Am Beispiel der Unterrichtsform sowie des Religions- und Deutschunterrichtes soll bewiesen werden, warum die höheren Schulen in Deutschland ihre Funktion, auf die Gesellschaft vorzubereiten, nicht wahrnehmen können. Diese Beispiele sind willkürlich ausgewählt, es könnten genausogut der Geschichts- und Sozialkundeunterricht oder die SMV besprochen werden.

Die autoritäre Unterrichtsform, der primitive Frontalunterricht also, der an allen Schulen von unfähigen oder konservativen Lehrkräften bevorzugt wird, übt genau die Verhaltensweise ein, die den späteren Bürger auszeichnen soll: Nur hören, nie reden, nie Gedanken vorbringen, die der gesetzten, Norm nicht entsprechen.

Diese Norm wird vom Lehrer im Unterricht durch das Frage-und-Antwort-Spiel festgelegt, bei dem es auf jede Frage nur die bereits vorher feststehende Antwort geben kann. Dadurch wird der Schüler systematisch zu einer Scheuklappendenkweise erzogen, die er für das ganze Leben beibehält. Diese Art des Denkens in vorbereiteten Bahnen ist der Feind einer jeden Demokratie, weil sie jede Kritik und konstruktive Alternative zum bestehenden System von vornherein ausschließt.

Dies scheint man bei den Schulbehörden endlich bemerkt zu haben, denn sie verlangen jetzt von neuen Lehrern, daß sie ein Unterrichtsgespräch halten, keinen Monolog. Dadurch aber wird erst recht nicht das erreicht, was man erreichen will. Wenn in derselben Klasse ein reaktionärer und ein progressiver Unterricht nebeneinander gehalten werden, trägt dies lediglich dazu bei, die Schüler zu verwirren. Da ihnen der fortschrittliche Unterricht mehr zusagt, werden sie ihn auch von den konservativen Lehrkräften verlangen. Da diese gewöhnlich nicht dazu in der Lage sind, müssen sie den Schülern die Erfüllung ihres Wunsches verweigern. Deren Artikulationsbedürfnis wird sich dann in Form von „Unterrichtsstörungen“ äußern, die bestraft werden.

Wenn dann die Maschinerie der Scfaulstrafen in Gang gekommen ist, hat der Schüler nur noch zwei Möglichkeiten einer Reaktion: Widerstand oder Anpassung. Folgt er seinem eigenen Willen, so kann das zu einem Schulverweis führen, denn mit der ersten schweren Schulstrafe beginnt ein Teufelskreis, der kaum zu durchbrechen ist. Der Schüler ist jetzt in den Augen der Lehrkräfte gebrandmarkt, was diese ihn gewollt oder ungewollt spüren lassen. Der Schüler wird hierauf mit einer Handlung antworten, die wieder eine neue Strafe herausfordert, er wird jetzt endgültig und unwiderruflich ein „Störenfried“.

Man sieht, daß durch die Vermischung von autoritärem und fortschrittlichem Unterricht die Renitenz der Schüler systematisch herausgefordert wird. Doch die so produzierten Störenfriede machen nur den geringsten Prozentsatz der Schüler aus.Die anderen haben erkannt, was von ihnen verlangt wird, und sind bereit, danach zu handein. So werden autoritätsgläubige Untertanen erzeugt. Auf das gleiche Ziel laufen letztlich der Religions- und der Deutschunterricht hinaus. Schon die Existenz des Religionsunterrichtes stützt diese These. Da werden Schulbücher benutzt, deren einzige Intention es ist, die Schüler mit den Thesen des christlichen Glaubens bekanntzumachen. Die Vorbereitung auf das Leben als Staatsbürger ist nur zweitrangig und erfolgt auf rein christlicher Basis.

Wie diese aussieht, zeigt der Römerbrief mit erschreckender Deutlichkeit: „Wer sich also der staatlichen Autorität widersetzt, widersetzt sich dem Willen Gottes, der ihm diese Autorität zugemutet hat“ (13,2). Apologeten werden wahrscheinlich entgegenhalten, daß diese Auffassung von der heutigen Kirche nicht mehr vertreten wird. Wenn dies tatsächlich so ist, wird es wenigstens im Religionsunterricht geschickt verborgen. Dort wird nämlich weiterhin diese pervertierte Auffassung vom Staatsbürger und vom Staat gepredigt, wie sich aus zahllosen Lehrbüchern beweisen läßt. Der Religionsunterricht ist also beim Erziehen zu mündigen Staatsbürgern vollkommen fehl am Platze, nichts kann seine Existenz an den Schulen rechtfertigen.