Nach den Klageliedern der Textilindustrie zu urteilen, müßte der Beruf des Textilingenieurs dem Aussterben nahe sein. Doch wie so häufig – notleidende Wirtschaftszweige werden erfinderisch und rationalisieren. So auch die Textilbranche. Das schafft neue Möglichkeiten für qualifiziert ausgebildete Führungskräfte der mittleren Ebene. Inzwischen registrierten denn auch Deutschlands Ingenieurschulen einen Zuwachs an Anfragen und Anmeldungen "in einem bisher nicht bekannten Umfang". Wilfried Burmann von der Industrievereinigung Chemiefaser schildert die Aufgaben, den Werdegang und die Berufsaussichten des Textilingenieurs in der Praxis.

Werfen wir einen Blick auf die heute nahezu vollautomatische Gewebeproduktion: In den klimatisierten Hallen laufen die Automaten; alles funktioniert wie ein Uhrwerk. Dennoch schreitet der Betriebsingenieur die Maschinenfront ab. Plötzlich könnte ein Automat ausfallen, könnten Signallampen eine schwere Produktionsstörung anzeigen. Dann muß der Ingenieur an der "Unfallstelle" sein und schnell handeln. Jede Stunde Stillstand kostet viele tausend Mark.

Eine andere Aufgabe des Textilingenieurs: Auf dem Sektor Konstruktion soll er einen modischen Anzugstoff konstruieren, der im Winter wärmt und im Sommer kühlt. Er darf nicht knittern, muß aber die Bügelfalten halten. Er muß in allen Tönen färbbar sein und darf nicht mehr als 15 Mark pro Meter kosten! Eine solche Forderung wäre noch vor einigen Jahrzehnten absurd gewesen. Heute aber findet der Textilingenieur neben den herkömmlichen Naturfasern Wolle und Baumwolle die modernen Chemiefasern.

Zu den wichtigsten Arbeitsstätten des Textilingenieurs zählt auch das Textillabor. Hier werden bewährte und neuentwickelte Stoffe ständig auf ihre Eigenschaften kontrolliert: Sind sie beständig, strapazierfähig, wasserabstoßend? Wie reagieren sie auf Waschmittel, auf Sonne, Feuchtigkeit und Schmutz?

Ein Bereich, der durch die Chemiefasern gewaltige Bedeutung erlangt hat, ist die Textilchemie. Ein Blick in die Dekorationsabteilung eines Warenhauses genügt, um zu erkennen, was man heute mit Stoffen anstellen kann: Sie werden in tausend Tönungen gefärbt, gemustert und mit ganzen Zeitungsseiten bedruckt. Auf Küchentüchern finden sich Kalender, auf Wandbehängen ganze Landkarten.

Der Textilingenieur – Fachrichtung Textilchemie – entwickelt Veredelungsverfahren, macht die Stoffe "bedruckbar", knitterfest, vor allem aber: er entwickelt erst einmal die geeigneten Chemiefasern.

Textilingenieure sind – wie Ingenieure fast immer – zum Leiten und Entscheiden berufen. Sie prägen das Schicksal "ihrer Firma" entscheidend mit. Sie müssen neben ihrem speziellen Fachgebiet die großen Zusammenhänge überblicken, die technische Entwicklung, die Modeströmungen, Fragen der Betriebs- und Absatzwirtschaft, Personalfragen und Investitionen.