Das Fernsehen gehört zu unserem Alltag wie Beruf und Familie, Schlafen und Essen. Aber was wissen wir von diesem Medium? Die Zuschauer haben keinen Zweifel:

Böse Zungen behaupten, sie seien die überflüssigste Einrichtung des deutschen Fernsehens, nur eine nette Beigabe, aber mit jenem hartnäckigen Hauch von Luxus, der uns jeden gemütlichen Abend vor dem Bildschirm als Feiertag suggerieren will. Wenn sie zum drittenmal "Meine Damen und Herren" sagen, weil nun wirklich eine Sendung und keine Vorschau mehr kommt, dann werden sie richtig persönlich, haben so einen vertraulichen Ton in der Stimme. Trotz der makellosen Hochfrisur, des monotonen Computer-Geplappers und der starren Haltung: diese erbarmungswürdigen Mona-Lisa-Puppen leben! Sie sitzen in diesem Augenblick in einem Studio. Denn Fernsehen ist manchmal auch "live".

Die Ansagerinnen verkörpern exakt, was das Publikum unter dem Medium versteht: nicht Frau A in der Anstalt B, nicht der Autor C oder der Reporter D in der Sendung F, sondern immer die Institution als solche, eine Art höhere Instanz, "das Fernsehen".

Die Zuschauer halten es für das "glaubwürdigste" aller Medien, denn, Emnid hat es erkundet: "Bilder können nicht lügen." Aber was tun sie dann? Stumpfen sie uns ab, machen uns apathisch, manipulieren sie uns, initiieren sie Meinungen, verändern oder bestätigen sie sie nur? ("Etikettierungsmaschinen" nennt der Soziologe Scheuch die Fernsehanstalten.) Viel wissen wir nicht darüber, die Meinungsforschung läßt uns im Stich, jeder hat seine eigene Theorie.

Auch bei den Programmachern: Sollen sie kritisieren, erziehen, informieren, unterhalten? Jeder will einem anderen Anspruch gerecht werden, und jeder "fuchtelt mit der Stange im Nebel herum" (Peter Merseburger), weil die Macher ihr Publikum so wenig kennen wie dieses den Hintergrund seines •täglichen Heimkinos.

Zwischen diesen zwei unerforschten Polen steht der Kritiker und soll vermitteln. Natürlich weiß auch er nicht, wie. Manche sagen ihm, er solle nur Personal- und Strukturprobleme besprechen, etwa die Kungeleien um Posten und den Parteienproporz in den Rundfunkräten; er müsse den Mythos einer bestehenden Programmkoordination ausrotten oder mit Bloßlegen der Gagenmißwirtschaft gegen die dräuende neue Gebührenerhöhung angehen. Andere meinen, man sollte einzelne Sendungen wie Filme oder Theaterstücke besprechen, sollte, noch besser, nur mehr die Krawatte eines Nachrichtensprechers kritisieren oder an einer politischen Sendung mit abgeschaltetem Ton die Dramaturgie des Krimis studieren.

Die ZEIT beginnt in dieser Ausgabe eine Serie, die sich all diese Möglichkeiten offenhält, formal aber an klar erkennbaren Programmsparten orientiert ist: feste Sendetypen oder thematische Komplexe im Programmangebot, die täglich oder wöchentlich wiederkehren. Jeder Artikel wird auf die Sendungen der Vorwoche besonders eingehen, strebt aber so wenig wie die Serie Vollständigkeit oder letzte Wahrheit an. Wolf Donner