Von Kaspar Lentow

Helmstedt-Marienborn – es ist die einzige Grenze, an der ich Angst habe, ohne mich schuldig zu fühlen. Man gerät in einen Schwall von Korrektheit, aus dem alle störenden Gefühle entfernt zu sein scheinen. Natürlich nicht alle. Der Grenzsoldat, der den Paß kontrollierte, blieb stehen und sprach mit mir über dies und das. Wir verhielten uns aber auch nur beinahe normal, weil wir unsicher und gehemmt waren. Schwer zu sagen, woran das lag; manches verrät die Sprache. Oh, sagte er, in diesem Sommer hatten wir hier in der DDR viele ausländische Gäste zu Besuch: französische Bürger, Schweizer Bürger, auch englische Bürger, vor allem sehr viel amerikanische Bürger. Bürger, sagte er konstant, nicht Franzosen, Schweizer, Engländer, Amerikaner. Der Bürger – ein Titel? Einer vor allem für Fremde? Ein Unterscheidungsmerkmal gegenüber dem Genossen? Oder bloß so eine gespreizte, mit seltsamer Beflissenheit benutzte Bezeichnung wie die Anrede Kollege statt Frau oder Herr?

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Als der Zollbeamte kam, war alles Persönliche weg. Es begann eine Show, für deren Charakterisierung man beliebig diese Synonyme benutzen konnte: Ordnung, Disziplin, Gesetzmäßigkeit, Autorität, vor allem das letzte.

Die Vorlage für die Durchsuchungsaktion war übrigens schon mit der Aufenthaltsgenehmigung in der Bundesrepublik eingetroffen, grün gedruckt auf grünlichem Papier. "Werter Reisende!" fängt es an. Das vierseitige Papier besteht fast ausschließlich aus Verboten, von denen jedes zweite die Frage aufwirft: warum eigentlich?

"Zur Einfuhr nicht zugelassen sind: Fernsehgeräte sowie Ersatz- und Zubehörteile dazu; Magnettonbänder und andere Tonträger; Briefmarken und Briefmarkenkataloge; Umzugs- und Erbschaftsgut; Arzneimittel; ungültige Zahlungsmittel und Münzen; Funk- und Sendeanlagen; Vervielfältigungsapparate; Schußwaffen, Munition, Sprengmittel, Schußgeräte und pyrotechnische Erzeugnisse; Gegenstände, die im Auftrage von Organisationen oder auf Grund deren finanzieller bzw. materieller Zuwendungen mitgeführt werden; Schriftstücke und Darstellungen unzüchtigen Charakters; Adressenverzeichnisse; Kalender, Almanache, Jahrbücher; Schund- und Schmutzliteratur, Zeitungen und andere periodisch erscheinende Presseerzeugnisse, die nicht in der Postzeitungsliste der DDR enthalten sind."

Und "Kinderspielzeug militaristischen Charakters" – aber die Gefahr ist gering; wer auf dergleichen scharf ist, wird unvergleichlich gründlicher in den waffenstrotzenden Spielzeugläden der DDR bedient. Nur zu: ein Ausfuhrverbot für Kinderspielzeug militaristischen Charakters besteht nicht.