Deutsche Schüler zeigen kein Interesse an Schüleraustauschprogrammen mit Schulen anderer Länder. Von ungefähr hundert Jungen und Mädchen der elften Klassen eines Hamburger Gymnasiums meldeten sich, sage und schreibe, nur zwei, die bereit waren, für ein halbes Jahr in einer amerikanischen Familie in New Jersey zu leben und dort auch eine Highschool zu besuchen. Was sind die Ursachen für diese alarmierend schwache Reaktion?

Zum Teil werden die Schüler von ihren Eltern gehindert, an einem solchen Programm teilzunehmen. Der Grund: schnöder Mammon. Es sind nicht so sehr die Reisekosten, die so viele abschrecken. Meistens geht es den Eltern darum, daß ihre Kinder möglichst schnell die Schule absolvieren. Wenn also der Sprößling ein halbes Jahr "vermißt" wird und dadurch in die Gefahr gerät, ein ganzes Jahr wiederholen zu müssen, dann ist das natürlich nicht so angenehm. Meistens wird den Schülern allerdings auf die Nase gebunden, daß Geld gar nicht die Hauptrolle spielt. Ihnen wird mit "Sitzenbleiben", das hierzulande noch oft als Schande angesehen wird, Angst gemacht. Das führt dazu, daß sich viele Schüler dieses Argument ihrer Eltern zu eigen machen: Sie wollen jetzt kein Jahr "verlieret", sondern Amerika später besuchen ("nach dem Abitur oder so...").

Aber: verliert man überhaupt ein halbes Jahr? Man hat ja doch nicht nur Freizeit in den USA, Noch in den Sommerferien hat man die Gelegenheit, zur summerschool zu gehen: maximal zwei Doppelstunden täglich, fünf Tage in der Woche und das sechs Wochen lang. Die reguläre Schulzeit fängt im September an. Natürlich, man kann nur sieben Fächer belegen, davon fünf Hauptfächer, aber jedes Fach steht jeden Tag auf dem Stundenplan, fünf Tage in der Woche. Es hängt also davon ab, welche Gebiete man belegt, ob man, wenn man zurückkommt, eine Klasse noch einmal absolvieren muß. Außerdem hat man als Austauschschüler die einzigartige Gelegenheit, sein Gastland, in diesem Fall also Amerika und seine Bewohner, ziemlich genau kennenzulernen. Man lebt in einer amerikanischen Familie, und wenn man will, lernt man die Mentalität der Leute kennen, erfährt, was sie denken, wie sie fühlen. Man sieht die silent majority aus nächster Nähe. Dazu kommt noch die Perfektionierung der englischen Sprache, die, wenn man sie als Schüler der elften Klasse sechs Jahre lang gelernt hat, sehr schnell geht. Nach zwei Monaten bemerkt man, daß man nur noch teilweise in Deutsch denkt. Es mag komisch klingen, aber man fängt sogar an, nachts auf englisch zu träumen.

Verliert, man also ein Jahr? Kann man nicht, wenn man will, mehr lernen als in der Schule? Ich finde, man kann.

Eine andere Ursache für das mangelnde Interesse ist falsche Erziehung: Manche Schüler sind ängstlich, weil sie zu lange und zu weit von zu Hause weg sind. Hier stecken die Eltern indirekt dahinter: Sie waren immer zu besorgt um ihre Kinder und ließen sie möglichst nie aus der gewohnten Umgebung.

Noch eine Ursache, die Schüler von dem Trip nach Amerika abhält, ist ein Vorurteil, das unter vielen Schülern kursiert und durch die Berichte zweier schon "ausgetauschter", also schon dort gewesener Schüler entstand: Die amerikanische Schule wurde als "Zuchtschuppen" bezeichnet, in der unglaublich strenge Zustände herrschten. Es stimmt, daß die Schulen in den USA strenger sind als in Deutschland (nicht umgekehrt, wie meist geglaubt wird), aber so schlimm ist es jetzt nicht mehr.

Etwas, was den Besuch in den USA noch interessanter macht, als er ohnehin schon ist, ist die politische Haltung der amerikanischen Schüler. Wer viel erwartet, wird enttäuscht: Die Mehrheit der politisch engagierten Minderheit befaßt sich nur mit der Politik ihrer Schule, also mit der "Student Organization", kurz SO genannt, die so gut wie nichts zu sagen hat. In der Verfassung der SO stehen unter powers of SO eine stattliche Anzahl von Rechten. Das ist aber nur Teil eins, in Teil zwei steht dann: "Alle Aktionen der SO sind von der Zustimmung des Schulleiters abhängig."