Von Gottfried Sello

Morgens um halb fünf an irgendeiner Tankstelle im nördlichen Randgebiet von Hamburg, Trostloseres kann man sich kaum vorstellen. Der Ort war ungefähr ebenso geheimgehalten wie der Treffpunkt irgendwo im Taunus zwischen dem deutschen und dem russischen Außenminister. Jedenfalls war das-Fernsehen zur Stelle, um den historischen Höhepunkt der 20 000-km-Rallye festzuhalten: die Begegnung zwischen HA Schult und Uwe Seeler. Warum Uwe Seeler? Mann, wegen der Publicity, das Titelphoto, HA mit Uwe, für das Buch, das die Rallye dokumentieren wird, es erscheint Januar ’71. Uwe Seeler war etwas vergrätzt wegen der nachtschlafenden Stunde und weil der Spiegel schon vorher geschrieben hatte, daß er 1800 Mark für seinen Auftritt kassieren werde. Und dann hatte dieser komische Künstler ihn als "Abgott der Tankwarte" bezeichnet, was er als böswillige Abqualifizierung empfand. Trotzdem gelang es uns‘ Uwe, mit dem ihm eigenen Charme den Macher zu dieser ungewohnten Stunde erfreut, zu begrüßen. Schult meditierte: "Sie sind das Leben, Sie sind life, und mein Job ist es, das Leben zu interpretieren." Schult in der Rolle des vom Leben ausgeschlossenen Intellektuellen, aber die Tonio-Kröger-Attitüde steht ihm nicht. Seeler rettete sich kaltblütig aus dem schöngeistigen Gerangel, er setzte sein Autogramm auf das Kleinauto des Rallyeisten und wünschte gute Fahrt.

Nach dieser dramatischen Begegnung legte HA Schult sich im Glasgang vom Kunsthaus Hamburg schlafen, wo das Publikum seinem Schlafen zuschauen konnte, öffentliches Schlafen war ausdrücklich im Programm vorgesehen. Aber in diesem Punkt hatte der Veranstalter die Wißbegier des Publikums überschätzt, niemand kam, um sich an der Glasscheibe die Nase plattzudrücken. Nach drei Stunden verdienter Ruhe startete Schult in bemerkenswert guter Verfassung, um den 14. Tag der zwanzigtägigen Fahrt zu absolvieren, vom Kunsthaus Hamburg zum Kunstverein Nürnberg, wo ihn eine Diskussion mit den Mitgliedern vom Kunstverein erwartete. Dann nach München zum Aktionsraum 1, und wieder nach Hamburg, und wieder nach München, und zwischendurch nach Mannheim und Ingolstadt und Berlin und dann nach Hamburg und wieder nach München. 20 000 Kilometer in zwanzig Tagen, das ist ziemlich strapaziös. Aber bei uns kann glücklicherweise jeder machen, was ihm Spaß macht. Nur daß sich die HA-Schult-Rallye nicht als ein privates Hobby versteht, sondem als eine öffentliche Aktion.

Was bezweckt die Aktion? Der Macher tat viele Antworten parat, für jeden, der ihn fragt, eine andere. Den Fernfahrern, die er unterwegs trifft und die den Kopf schütteln, weil jemand so viel teures Benzin sinnlos vergeudet, sagt Schult: "Und was macht der Bundespräsident, der nach Afrika reist? Das kostet viel mehr und hat viel weniger Sinn." Dem Herrn mit dem schweren Mercedes an der Tankstelle, der mitleidig auf ihn herunterlächelt, erklärt er: "Warten Sie nur ab, mein Mini-Auto wird einmal viel wertvoller sein als Ihr teurer Wagen, das landet eines Tages im Museum."

Die Bosse von Funk und Fernsehen konnte er davon überzeugen, daß es sich bei der Rallye um Kunst, um eine neue Art von Kunst, Kunst mit einem anderen Mitteilungs- und Erlebnisraum handle. Das Studienprogramm des Bayerischen Rundfunks betrachtet das Projekt als ein künstlerisches Experiment und stellt ein Team zur Verfügung, das alle Phasen der Aktion aufnimmt. Im WDR hieß es schlicht: "HA Schult führt die Kunst aus dem Getto." Und schließlich wird, außer den Massenmedien, auch noch der Kunsthandel in die Aktion eingeschaltet.

Wie lassen sich Aktionen kommerziell verwerten? Ein altes, ein schwieriges Problem; Schult löst es zusammen mit dem Kölner Galeristen Rudolf Zwirner. Jeden der zwanzig Tage kann man erwerben als in sich abgeschlossenes Paket. Dazu gehören: die Windschutzscheibe, die jeden Tag als visuelles Protokoll der Fahrt ausgewechselt wird; ein Tonband, das den ganzen Tag eingeschaltet ist. und jedes Räuspern, jedes Trällern, die Unterhaltung mit der Anhalterin registriert; die Deutschlandkarte mit der Fahrtroute; Photos von Schult. Zwirner wollte auch noch die Overalls verkaufen, die wie die Windschutzscheiben täglich gewechselt werden sollten. Aber da spielte Schult nach dem dritten verkauften Overall nicht mehr mit, weil es ihm zu blöd war, jeden Tag einen fabrikneuen Overall anzuziehen, bloß um einen schwunghaften Reliquienhandel in Gang zu halten. Mit oder ohne Overall: Ein Tag kostet 3000 Mark, bis zum 1. Januar ’72. Dann kostet er 4500 Mark. "Exklusiv bei mir", sagt Zwirner. Und fährt fort: "Echte Sammler sammeln alles. Man kann das Erfahrene auch verkaufen." Wer das für Zynismus halten sollte, ist ahnungslos. Zwirner weiß es, Zwirner muß es wissen. Er kennt die Sammler. Er hat die ersten Tage mühelos verkauft.

Nein, so schwierig ist das gar nicht, Aktionen zu kommerzialisieren, solange wir Sammler haben, die alles kaufen, was ein progressiver Galerist anzubieten für richtig befindet. Viel schwieriger und viel interessanter ist das Problem, eine motorsportliche Rallye in ein künstlerisches Unternehmen umzudeuten. "20 000 km – halb um den Äquator sind ein Kunstabenteuer. Das gilt es dem Zuschauer zu vermitteln", heißt es im Studienprogramm des Bayerischen Rundfunks. Warum sie das sind oder wodurch sie das werden, wird nicht verraten. Die 20 000 Kilometer sind eine rein quantitative Bestimmung, es ist nicht einzusehen, warum Quantität, "halb um den Äquator", hier in Qualität umschlagen sollte.