Von Theo Sommer

Lang und steinig sei der Weg zu einer Regelung, sagte Willy Brandt beim zweiten deutschen Gipfeltreffen in Kassel. An diesem Wege ist schon manche Hoffnung verdorrt, manche Illusion verblüht. Heute, da die deutschen Dinge wieder in Bewegung geraten sind, ist das der Bundesregierung Grund genug, ihre Erwartungen mit Skepsis zu dämpfen und sich mit Geduld zu wappnen. Niemand in Bonn will schon für eine wirkliche Wende halten, was nur eine taktische Wendung sein mag. So ist denn im Palais Schaumburg nicht die leiseste Spur von Euphorie zu entdecken, allenfalls eine gebremste Genugtuung.

Anlaß zur Genugtuung ist gewiß vorhanden. Zweierlei ist eingetreten, das die Regierung als Konsequenz der Moskauer Vertragsunterschrift vorausgesagt hatte. Einmal sind die Berlin-Gespräche der Vier Mächte aus dem Stadium der fruchtlosen Unverbindlichkeit herausgekommen; sie haben sich zu ernsthaften, obendrein aussichtsreichen Verhandlungen entwickelt. Zum anderen hat das SED-Regime die deutsche "Denkpause" für beendet erklärt und die Fortführung des Dialogs angeboten – auf jener Arbeitsebene unterhalb spektakulärer Gipfelhöhen, die Willy Brandt schon in Kassel anvisiert hatte.

Gromykos Blitzvisite in Frankfurt signalisierte nicht nur einen Wandel zum Besseren, international Üblichen im Umgang zwischen Sowjets und Westdeutschen. Sie ließ die Öffentlichkeit gewahr werden, daß die Aussichten für die Berlin-Gespräche der vier Siegermächte besser sind, als bisher vermutet wurde. In der Tat stecken die Diplomaten mitten im intensiven Arbeitsprozeß. Der Rahmen einer schriftlich fixierten Abmachung zeichnet sich ab – einer Art von Mantelabkommen, unter dessen Dach dann auch die beiderlei Deutschen bestimmte Berlin-Funktionen aushandeln und ausüben könnten.

Die Einzelheiten werden so geheimgehalten wie seit Jahren kein anderer weltpolitischer Verhandlungsgegenstand; nicht einmal über den SALT-Kontakten liegt ein derart dichter Schleier. Kein Wunder, daß Gerüchte und Mutmaßungen ins Kraut schießen. Mit Gewißheit läßt sich nur sagen, daß die Bundesrepublik im engen und einvernehmlichen Arbeitskontakt mit den drei Westalliierten steht und von einer Interessenkollision nicht die Rede sein kann. Die westlichen Partner teilen den Eindruck, daß Moskau einen Berlin-Kompromiß anstrebt. Bis Jahresende, so heißt es, sollte man das Ende des Tunnels sehen können.

Den Eindruck sowjetischer Ernsthaftigkeit in puncto Berlin hat auch die plötzliche Gesprächsbereitschaft der SED verstärkt. Ohne ein Quentchen russischen Drucks, mindestens jedoch nachhaltigen Einwirkens ist die Ostberliner Schwenkung schwer zu erklären; dafür kam sie viel zu abrupt.

Positionswechsel im Politbüro