Von Friedrich Schade

Wenn der Begriff nicht so abgegriffen wäre, müßte man sagen, es sind Opas Lesebücher, aus denen unsere Kinder in den Schulen ihr Wissen über die Dritte Welt beziehen. Mit einem Wort: Die Schulbücher huldigen heute, im Jahre 1970, immer noch dem Kolonialismus. Im Auftrag- des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit hat das Institut für Sozialforschung in Frankfurt eine Inhaltsanalyse bundesdeutscher Geographie-, Sozialkunde- und Geschichtsbücher erstellt. Die Frage war: Wieviel Raum wird dem Thema Dritte Welt gewidmet?

Die Analyse kommt zu einem fast katastrophalen Ergebnis: Passagen über die Dritte Welt müssen in den Schulbüchern gründlich gesucht werden, wenn man sie finden will. Und, was darin, über Asien und Afrika steht, ist eine Fülle symptomatischer Zitate, die sich – traurig genug – oft wie beste Stilblüten lesen. Ein Beispiel: "In der Tiefe des Urwaldes leben die Zwergneger. Weiber und Kinder sammeln ..., die Manner erlegen ..., andere Negerstämme roden ... mühsam ein Stück Urwald Die Weißen verwerten auch das Holz der Urwaldriesen..., andere Weiße sind als Ingenieure, Kaufleute und Pflanzer tätig. Sie brauchen von Zeit zu Zeit Erholung außerhalb der Tropen oder in Höhenlagen über 1000 Meter."

Die Welt, die in diesen Büchern geschildert wird, ist zumeist, harmonisch und praktisch ohne Konflikte. Daraus folgt, daß auch der Kolonialismus als harmonisches Ausbeutungsverhältnis anzusehen ist: "Neger helfen als Landarbeiter und Hirten dem weißen Formen..., die Helfer der Weißen sind die Bantuneger ..., im gesegneten Kapland leben wohlhabende weiße Farmer." Da die Konflikte überdeutlich sind, hält man sich im Urteil zurück: "Zwischen Weißen und Farbigen bestehen große Gegensätze... Wie der Streit ausgeht, ist noch nicht abzusehen.

Probleme der Unterentwicklung und Zusammenhänge zwischen Metropolen und Kolonien sind außerhalb des Horizonts: "Rings um den Persischen Golf liegen reiche Ölquellen ... die einheimischen Staaten haben weder Geld noch Techniker, um das Öl zu fördern; deshalb sind die Ölfelder an amerikanische Gesellschaften verpachtet." Ein unbefangener Ethnozentrismus strukturiert die Information über die Dritte Welt: "... die riesigen Urwaldgebiete können, nur mit Hilfe der Weißen erschlossen werden", "Afrika eine Rohstoffkammer", Hinterindien eine "Reiskammer", Südamerika eine "Kaffeekanne" und "Speisekammer".

Clevere Europäer

Lange Zeit wurde der Kolonialismus verhindert, indem die Araber "neben den natürlichen Sperriegel der Wüste nun noch eine künstliche Schranke zwischen Europa und Asien legten". Aber die Europäer waren clever. Es gelang ihnen, die "Schranke der Araber, die den Landweg nach dem reichen Indien sperrte, auf dem Seewege zu umgehen". Heute fehlt nur noch Abessinien, "das letzte unabhängige afrikanische Königreich". Aber sicher nicht mehr lange, denn die Schüler lernen, daß Abessinien ein "Land der Zukunft" ist; "von 1800 m Höhe ab findet auch der Europäer alle Möglichkeiten zur Anlage von Plantagen".