Der nächste Lohnkonflikt steht vor der Tür. Die Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) und die Deutsche Angestelltengewerkschaft (DAG) werden für die 1,7 Millionen Arbeiter und Angestellten des öffentlichen Dienstes etwa 13 Prozent mehr Lohn und Gewalt verlangen. Die Minister Genscher und Möller haben jedoch nur acht Prozert kalkuliert.

Ein Vertreter der Arbeitgeber befürchtete daher schon vor Beginn der Tarifverhandlungen am 11. November: "Ich bin nicht sicher, ob es diesmal ohne Streik abgehen wird."

Neue Forderungen kommen auch von den Bauarbeitern. Die IG Bau-Steine-Erden, die 1965 als erste einen Tarifvertrag über Vermögensbildung abschließen konnte, will eine Erhöhung der vermögenswirksamen Leistungen von jetzt 200 auf 624 Mark pro Jahr erreichen.

Inzwischen hat in der Metallindustrie die "Düsseldorfer Formel" in drei weiteren Tarifgebieten zu einem Abschluß geführt: in Bayern, Bremen und Hamburg. In Nordrhein-Westfalen haben die Metallarbeiter den "politischen Kompromiß" zwar mit knapper Mehrheit (51,19 Prozent) abgelehnt, de für einen Streik notwendigen 75 Prozent jedoch nicht erreicht.

Der Vorstand der IG Metall hat daraufhin den Tarifvertrag einstimmig gebilligt, da er den gewerkschaftlichen Forderungen "sehr nahe kommt".

Damit die Arbeitgeber das Gesicht wahren konnten, ist die Lohnerhöhung nach "Vorweganhebungen" optisch auf elf Prozent festgelegt. Von den bisherigen Ecklöhnen aus gerechnet ergeben sich jedoch Lohnerhöhungen von 14 bis 15 Prozent.

Den spektakulärsten Erfolg erzielte jedoch Stuttgarts streitbarer Gewerkschaftsführer Willi Bleicher, der unter dem Druck des schon auf den 5. November festgelegten Streiktermins unter Vermittlung von Ministerpräsident Filbinger (CDU) und Sozialminister Hirlinger (SPD) eine nominale Lohnerhöhung von 12,2 Prozent ertrotzte bei einer Vorweganhebung der bisherigen Ecklöhne um zehn bis elf Pfennig. Er brachte so die Metallarbeiterlöhne mit 5,04 Mark in seinem Bezirk erstmals auf die Höhe von Nordrhein-Westfalen. Hinzu kommt eine in anderen Tarifbezirken schon früher fixierte tarifliche Leistungszulage, die von jetzt 13 bis 1973 auf 16 Prozent steigt.

Der tarifliche Stundenlohn für Metallarbeiter liegt damit im gesamten Bundesgebiet um fünf Mark. hm