"Musica sacra nova II" – Wolfgang Dauner: "Beobachtungen" und Reinhold Finkbeiner: "Epiphanie"; Vokal- und Instrumental-Solisten, Vokal- und Schlagzeug-Ensemble Kassel, Leitung: Klaus Martin Ziegler; Schwann ams studio 602, 21,– DM

Meine lieben Brüder, achtet es für eitel Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtung fallet (boshaftes Lachen, Kinderstimme). Das von der Norm Abweichende, sagt Klaus: Martin Ziegler, Kirchenmusikdirektor in Kassel, solle Erregung verursachen, gegebenenfalls einen Schock auslösen. In der Kirche, im Gottesdienst dürften die beiden vorliegenden ’Kompositionen in der Tat Erregung und Schock zur Genüge verbreiten. Aber kommen sie hinein?

Geschieht auch etwas, davon man sagen möchte, siehe das ist neu? (Zwischenrufe: warum? was soll’s?) Dauners "Beobachtungen" verwenden keine liturgischen Texte, sie sind eine Collage aus Bibelsprache und Predigttext, aus neugierigen Fragen und beiläufig hingesprochenen abfälligen Bemerkungen, aus Instrumental-Improvisationen und Kinderlachen, aus Geräuschen und langen Pausen. Das Siebzehn-Minuten-Stück könnte einen Routine-Beter und einen Platitüden-Prediger ganz schön aus ihren frommen, Träumen rufen – ob die Platte den Weg zu ihnen schafft, dürfte fraglich sein. Für jene Kreise sind die "Beobachtungen" vermutlich eher Nestbeschmutzungen und Diffamierungen.

Ich habe solches oft gehört, ihr seid allzumal leidige Tröster. Auch Finkbeiners "Epiphanie" muß die Gemeinde "arg confundiren". Vierzehn Minuten lang wird hier Sprechgesang konfrontiert mit Orgel-Clustern und Schlagzeugwirbeln. Grundlage ist ein liturgischer Text, die Erzählung des Matthäus vom Auftreten der Weisen in Jerusalem. Kein Festtagshymnus, kein Jubellied zur "Erscheinung des Herrn", sondern nur die von Orgelschreien und Paukenschlägen intervenierend gestellte Frage, was denn nun tatsächlich mit dem Evangelium in die Welt gekommen sei – Friede oder Blut, Nächstenliebe oder, beginnend mit dem Kindermord in Bethlehem, der Totschlag.

Diesen Bewältigungsprozeß, sagt Klaus Martin Ziegler, intendiere heute die Kunst in letzter Konsequenz und mit letztem Ernst sogar mittels der Blasphemie, die sie über Geheiligtes ausschütte. Dauners und Finkbeiners Kompositionen sind vielleicht keine großen Werke hoher Kunst. Aber sie machen nachdenklich – und wann schafft Geistliche Musik das heute schon?

Heinz Josef Herbort