Die Revolution des Lernens

Von Dieter E. Zimmer

"Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes ... überall weicht der Mensch der Berührung durch Fremdes aus." Elias Canetti

Was die mit den unterrichtstechnologischen Entwicklungen verknüpfte Zukunft des Bildungswesens angeht, so lassen sich immerhin eine Reihe von Wegmarken ausmachen:

1. Die Menge der Informationen nimmt immer schneller zu, die Aufnahmefähigkeit des menschlichen Gehirns bleibt sich gleich. Weil diese Diskrepanz immer größer wird, wird das Konzept der Allgemeinbildung, werden die mit ihm verbundenen Ansprüche endgültig aufgegeben werden müssen. Man wird einen Fundus von Kenntnissen und Fertigkeiten definieren, ohne die niemand in der Gesellschaft bestehen kann. Jenseits dieses Elementar-Repertoires aber wird früh die Spezialisierung beginnen. Der Spezialisierungsprozeß wird treppenförmig sein müssen, damit jedem auf jeder Stufe die breitestmögliche Wissensgrundlage gesichert bleibt.

Die Revolution des Lernens

2. Weniger als auf Faktenwissen wird es in Zukunft auf die Fähigkeit ankommen, mit diesen Fakten umzugehen, auf intellektuelle und soziale Mobilität.

3. Der Lehrer wird einen nicht unerheblichen Teil seiner Funktionen an verschiedene apersonale Medien abgeben, die in verschiedenster Kombination zusammen den Unterricht konstituieren. Überflüssig wird der Lehrer damit keineswegs, zum Verschwinden ist nur der Pauker verurteilt. Wo ihm andere Medien Arbeit abnehmen, könnte er ausschließlicher denn je Pädagoge sein. Die Medien werden ihn außerdem als Autor, Programmierer, Texter, Dramaturgen, Schauspieler, Geräteexperten brauchen – neben den Pädagogen wird der Pädo-Techniker treten.

4. Das multimediale programmierte Lernen standardisiert möglicherweise Lerninhalte, aber nicht den Lernvorgang. Den individualisiert es, indem es sich flexibel auf individuelle Lerngeschwindigkeiten und Lernstile einstellt.

5. Die Objektivierung von Unterrichtselementen, also ihre Lösung von der Person des Lehrers, bedeutet, daß Unterricht selbst zu einem Industrieprodukt werden kann, in Zentralen entwickelt und massenhaft verbreitet.

6. Wenn immer mehr Menschen immer höhere Schulen besuchen, insgesamt also Intellektualisierung und Alphabetisierung zunehmen, wird insgesamt auch immer mehr gelesen werden: das Buch, das Druckwerk. ist nicht zum Tode verurteilt. Für den einzelnen aber dürfte zutreffen, was eine amtliche japanische Erhebung schon heute erbracht hat: daß er im Verhältnis immer weniger Informationen aus dem Buch, immer mehr über audiovisuelle Medien, insbesondere das Fernsehen bezieht.

7. Obwohl wir sie als natürlich hinnehmen, ist es eine unnatürliche Situation, daß der Mensch spontan und aus freien Stücken in seinen ersten Lebensjahren ein enormes Lernpensum hinter sich bringt, in dem sich so hochkomplexe Fertigkeiten wie die Beherrschung einer natürlichen Sprache finden, dann für neun Jahre oder mehr in die Zwangssituation der Schule versetzt wird, in der er nur unter Druck und entsprechend widerwillig und möglichst nur vorgeblich lernt, um schließlich für den Rest seines Lebens aus dem Lernzwang entlassen zu werden und von dem Schulertrag zu zehren. Wenn spezielles Wissen in immer kürzeren Abständen veraltet, muß jeder sein Leben lang um- und dazulernen können. Lifelong learning, education permanente ist unter diesen Umständen nicht eine schöngeistige Parole, sondern eine Notwendigkeit. Auch die zunehmende Freizeit wird ein massenhaftes Lernbedürfnis auslösen. Die Schule wird sich parallel dazu zu "entschulen" haben: Sie wird zum Lernen nicht zwingen, sondern anregen müssen. Das kann sie nur, wenn sie sich um attraktive Lehrstile bemüht und Lehrern wie Lernenden das weitest mögliche Mitbestimmungsrecht über das einräumt, was gelernt werden soll.

8. Es wird nicht genügen, starre Ausbildungsstränge durchlässig zu machen; die Entwicklung tendiert zur Gesamtschule und Gesamthochschule. Nur große Bildungszentren können mit einem stark differenzierten Bildungsangebot aufwarten; nur große Bildungszentren erlauben den rationellen Einsatz der erst in der Menge rentablen neuen Medien.

Die Revolution des Lernens

9. Das bisherige Benotungs- und Qualifizierungsgefüge wird sich in Zukunft als zu starr erweisen. Es wird einem schmiegsamen Creditsystem weichen müssen, in dem jeder sein Leben lang auf Grund objektivierter Prüfungen aufeinander aufbauende Punkte ("credits") sammeln kann, gleich wo und wie und in welchem Zeitraum.

10. Die Unterrichtstechnologie erfordert neuartige Formen der Zusammenarbeit. Medienverbundsysteme können nur entwickelt werden, wenn auch organisatorische Verbunde kompetenter Institutionen sich entwickeln. Das krampfhafte Festhalten an hergebrachten Hoheiten ist der Zeit der Unterrichtstechnologie nicht mehr angemessen.

11. Genausowenig wünschenswert wie das Einheitslehrbuch oder die Einheitslehrsendung ist das Einheitslehrsystem. Es sollte konkurrierende Angebote und damit Wahlmöglichkeiten geben; es sollte gleichfalls jenen Lernenden, die von apersonalen Medien wenig profitieren, eins Optionsmöglichkeit auf konventionellen Direktunterricht freigehalten werden.

12. Die Apparate, die in das Schulwesen eindringen, sollten möglichst universal sein: sie sollten so viele Funktionen vorhandener Einzelgeräte wie möglich zusammenfassen, und sie sollten möglichst integrierbar sein in absehbare größere Mediensysteme.

13. Damit die Schule der Zukunft nicht den Lobbyisten der Industrie gehört, wäre zu wünschen, daß der Staat wenige. zentrale Institutionen schafft, die das Lehrprogramm- und Geräteangebot prüfen, selber gesellschaftspolitische und pädagogische Postulate aufstellen, über solche Postulate die Entwicklungsarbeit der Lehrmittelindustrie steuern und neue Unterrichtstechnologien in Modellschulen erproben.

14. Objektivierte Unterrichtsbausteine können neues Wissen und neue Erkenntnisse der Lernpsychologie sehr schnell und wirksam an den Lernenden herantragen. Aber auch minderwertige Lehrinhalte und Lehrmethoden bringen sie viel effizienter an den Adressaten. Alle Versuche werden darum sorgfältig ausgewertet und kontrolliert werden müssen. Auf die Diskussion der Lehrziele darf dabei nie verzichtet werden; niemals darf sich ein nicht mehr in Frage gestellter Kanon von sogenannten "Basal-Texten" bilden. Auch die teuersten Geräte und Programme dürfen ferner nicht verhindern, daß die geeigneten Lehrmethoden grundsätzlich immer zur Diskussion stehen. Jeder Dogmatismus ist zu meiden, Offenheit bleibt bei der Instabilität unserer Erkenntnissituation ein unerläßliches Prärequisit, Alles andere ist Apparate-Fetischismus,

15. Die Frage, ob das traditionelle Lernen nicht das allein menschenwürdige ist, wird noch eine Zeitlang gestellt werden. Indessen wird die Pädagogik auf die Dauer keine Enklave der Tradition inmitten einer durchrationalisierten, hochtechnisierten Gesellschaft bleiben können. So wird sich diese Frage allmählich von selber erledigen. Statt Ressentiments gegen die Technik zu mobilisieren, sollte man die Energien besser darauf verwenden, die Technik zu beherrschen und die Chancen zu nutzen, die sie, mit Vernunft angewandt, bietet: den Unterricht individuell zu differenzieren und damit auch zu intensivieren und endlich Bildungsprivilegien wirklich abzubauen.

16. Die tiefgreifenden Reformen, die die Unterrichtstechnologie nahelegt und die in ihrem Ausmaß durchaus den Namen Revolution verdienen, sind "technokratische" Reformen – das heißt, sie nehmen keine Rücksicht auf den Grad der sozialen Gerechtigkeit, der in dem Gesellschaftssystem herrscht, in dem sie sich vollziehen. Indem sie optimieren, stützen sie zweifellos die jeweils herrschende Gesellschaftsordnung. Sie beruhen auf der Prämisse, daß Lernen und Leistung überhaupt gewünscht werden. Sie zu bekämpfen aber heißt nicht nur, eine bestimmte Gesellschaftsordnung in Frage zu stellen, sondern die weitere Teilnahme dieser Gesellschaft an der technischen Zivilisation zu sabotieren. Wer eine Arretierung des technisch-wissenschaftlichen Prozesses nicht für möglich oder wünschenswert hält, kann die Bemühungen um die Unterrichtstechnologie nicht für einen neckischen Luxus oder eine konterrevolutionäre Unternehmung halten. Die größte Produktivkraft einer Gesellschaft sind die Kenntnisse und Fähigkeiten ihrer Mitglieder; ohne sie werden alle anderen Anstrengungen hinfällig. Die Medien selber sind in gewissem Grade neutral; sie können positive Fakten vermitteln ebenso wie reaktionäre Ansichten oder emanzipatorische Haltungen. Es sind zwei Bedürfnisse, die sich nicht ausschließen dürfen: das Leistungsniveau zu wahren und zu heben und dagegen vorzugehen, daß die einzelnen ohnmächtige Mitwirkende sind an einer allgemeinen Ungerechtigkeit und an einem in seinen Zielen unbeherrschbaren Entwicklungsprozeß. "Demokratisierende" und "technokratische" Bestrebungen sind aufeinander angewiesen.