9. Das bisherige Benotungs- und Qualifizierungsgefüge wird sich in Zukunft als zu starr erweisen. Es wird einem schmiegsamen Creditsystem weichen müssen, in dem jeder sein Leben lang auf Grund objektivierter Prüfungen aufeinander aufbauende Punkte ("credits") sammeln kann, gleich wo und wie und in welchem Zeitraum.

10. Die Unterrichtstechnologie erfordert neuartige Formen der Zusammenarbeit. Medienverbundsysteme können nur entwickelt werden, wenn auch organisatorische Verbunde kompetenter Institutionen sich entwickeln. Das krampfhafte Festhalten an hergebrachten Hoheiten ist der Zeit der Unterrichtstechnologie nicht mehr angemessen.

11. Genausowenig wünschenswert wie das Einheitslehrbuch oder die Einheitslehrsendung ist das Einheitslehrsystem. Es sollte konkurrierende Angebote und damit Wahlmöglichkeiten geben; es sollte gleichfalls jenen Lernenden, die von apersonalen Medien wenig profitieren, eins Optionsmöglichkeit auf konventionellen Direktunterricht freigehalten werden.

12. Die Apparate, die in das Schulwesen eindringen, sollten möglichst universal sein: sie sollten so viele Funktionen vorhandener Einzelgeräte wie möglich zusammenfassen, und sie sollten möglichst integrierbar sein in absehbare größere Mediensysteme.

13. Damit die Schule der Zukunft nicht den Lobbyisten der Industrie gehört, wäre zu wünschen, daß der Staat wenige. zentrale Institutionen schafft, die das Lehrprogramm- und Geräteangebot prüfen, selber gesellschaftspolitische und pädagogische Postulate aufstellen, über solche Postulate die Entwicklungsarbeit der Lehrmittelindustrie steuern und neue Unterrichtstechnologien in Modellschulen erproben.

14. Objektivierte Unterrichtsbausteine können neues Wissen und neue Erkenntnisse der Lernpsychologie sehr schnell und wirksam an den Lernenden herantragen. Aber auch minderwertige Lehrinhalte und Lehrmethoden bringen sie viel effizienter an den Adressaten. Alle Versuche werden darum sorgfältig ausgewertet und kontrolliert werden müssen. Auf die Diskussion der Lehrziele darf dabei nie verzichtet werden; niemals darf sich ein nicht mehr in Frage gestellter Kanon von sogenannten "Basal-Texten" bilden. Auch die teuersten Geräte und Programme dürfen ferner nicht verhindern, daß die geeigneten Lehrmethoden grundsätzlich immer zur Diskussion stehen. Jeder Dogmatismus ist zu meiden, Offenheit bleibt bei der Instabilität unserer Erkenntnissituation ein unerläßliches Prärequisit, Alles andere ist Apparate-Fetischismus,

15. Die Frage, ob das traditionelle Lernen nicht das allein menschenwürdige ist, wird noch eine Zeitlang gestellt werden. Indessen wird die Pädagogik auf die Dauer keine Enklave der Tradition inmitten einer durchrationalisierten, hochtechnisierten Gesellschaft bleiben können. So wird sich diese Frage allmählich von selber erledigen. Statt Ressentiments gegen die Technik zu mobilisieren, sollte man die Energien besser darauf verwenden, die Technik zu beherrschen und die Chancen zu nutzen, die sie, mit Vernunft angewandt, bietet: den Unterricht individuell zu differenzieren und damit auch zu intensivieren und endlich Bildungsprivilegien wirklich abzubauen.

16. Die tiefgreifenden Reformen, die die Unterrichtstechnologie nahelegt und die in ihrem Ausmaß durchaus den Namen Revolution verdienen, sind "technokratische" Reformen – das heißt, sie nehmen keine Rücksicht auf den Grad der sozialen Gerechtigkeit, der in dem Gesellschaftssystem herrscht, in dem sie sich vollziehen. Indem sie optimieren, stützen sie zweifellos die jeweils herrschende Gesellschaftsordnung. Sie beruhen auf der Prämisse, daß Lernen und Leistung überhaupt gewünscht werden. Sie zu bekämpfen aber heißt nicht nur, eine bestimmte Gesellschaftsordnung in Frage zu stellen, sondern die weitere Teilnahme dieser Gesellschaft an der technischen Zivilisation zu sabotieren. Wer eine Arretierung des technisch-wissenschaftlichen Prozesses nicht für möglich oder wünschenswert hält, kann die Bemühungen um die Unterrichtstechnologie nicht für einen neckischen Luxus oder eine konterrevolutionäre Unternehmung halten. Die größte Produktivkraft einer Gesellschaft sind die Kenntnisse und Fähigkeiten ihrer Mitglieder; ohne sie werden alle anderen Anstrengungen hinfällig. Die Medien selber sind in gewissem Grade neutral; sie können positive Fakten vermitteln ebenso wie reaktionäre Ansichten oder emanzipatorische Haltungen. Es sind zwei Bedürfnisse, die sich nicht ausschließen dürfen: das Leistungsniveau zu wahren und zu heben und dagegen vorzugehen, daß die einzelnen ohnmächtige Mitwirkende sind an einer allgemeinen Ungerechtigkeit und an einem in seinen Zielen unbeherrschbaren Entwicklungsprozeß. "Demokratisierende" und "technokratische" Bestrebungen sind aufeinander angewiesen.