Von Dietrich Strothmann

Für die arabische Welt war der Vorgang einmalig: Die ägyptischen Zeitungen veröffentlichten den Brief eines Ministers an seinen Staatschef, in dem er um Entlassung aus seinem Amt bat. Es war der Brief des Informationsministers Heikal an Nassers Nachfolger. Als das Rücktrittsschreiben in den Morgenblättern erschien, hatte Kairo eine (kleine) Sensation. Ungewöhnlich war es nicht, daß gerade dieser Minister seinen Posten verließ; damit hatte jeder gerechnet. Völlig unerwartet aber war es, daß dies vor aller Augen geschah. Eingeweihte sprachen sogleich von einem Affront des Ministers gegen den Präsidenten. Bestärkt in ihren düsteren Vormutungen wurden sie überdies durch zwei Bemerkungen des Briefschreibers.

An einer Stelle erinnerte Heikal an eine Unterhaltung im Hilton-Hotel während der letzten jordanischen Krisenkonferenz, als Gamal Abdel Nasser auf ihn gezeigt und gesagt habe: "Er weiß alles. Er kennt sich in der Geschichte aus. Schreiben war schon immer sein Beruf." Das sei, so fuhr Heikal in seinem Entlassungsgesuch fort, sein Auftrag gewesen, den er nun erfüllen müsse. Er habe der Nation und dem Volk gegenüber die Pflicht, Nassers Geschichte zu schreiben – "zum Wohle der Menschheit". Das bedeute freilich nicht, daß er dieses Buch schon bald veröffentlichen werde, denn es gebe "Dinge, die noch nicht reif dazu sind".

Und an einer anderen Stelle des Briefes hieß es, nicht minder deutlich: "Ich mochte, daß Sie wissen, daß ich mit aller Energie seine (Nassers) Grundsätze und seine Politik verteidigen werde."

Das hatten die Kairoer Zeitungsleser bisher noch nie erfahren: daß ihr Staatsoberhaupt so freimütig und vor aller Augen gewarnt wurde von einem, der vorgab, über alles genau Bescheid zu wissen – über die Politik und die Politiker, Hintergründe und Intimitäten. Heikais Brief ist eine Zeitbombe, die jederzeit explodieren kann.

Mohamed Hassanein Heikal, der sie legte, war der engste Vertraute des toten Gamal Abdel Nasser und ist nach wie vor einflußreicher Chefredakteur der Zeitung Al Ahram. Und solange nicht eindeutig erwiesen ist, wer Nassers Werk fortsetzen wird, bleibt Heikal sein gestrenger Notar und Wächter. Er, der für viele Jahre Nassers Stimme war, in seinem Auftrag politische Entscheidungen journalistisch vorbereitete, Wandlungen ankündigte, amtiert nun als seines Meisters getreuester Testamentsvollstrecker. Heikal, mächtig einst durch die Protektion und Freundschaft des Präsidenten, ist auch jetzt noch mächtig genug, die neuen Männer an der Spitze des Staates zurechtzuweisen – im Namen Nassers. Und kein Ägypter, der Al Ahram liest, wird ihm mißtrauen. Ihm vor allen anderen, die in Nassers Schatten standen, wird geglaubt. Denn er, mehr als alle anderen, wußte, was Nasser wollte, was er dachte, wie er Entscheidungen fällte. Er war ein Stück von ihm, er ist es noch heute.

Wie nahe der 47jährige, mittelgroße Heikal den ihn um mehr als Haupteslänge überragende Nasser stand, hat er der Welt kurz nach dem plötzlichen Tod des Präsidenten bewiesen. In zwei seitenlangen Artikeln schilderte er nach dem Begräbnis in allen Einzelheiten den Krankheitsverlauf und die letzten Stunden Nassers. All denen, die es schon vorher wußten, und jenen, die es nur vermutet hatten, sagte es Heikal unmißverständlich: Wenn einer dem Toten bis zuletzt nahestand, sein Vertrauen genoß, seine geheimsten Wünsche kannte – dann war er es, Mohamed Hassanein Heikal. Und selbst zwischen den Zeilen dieser persönlichen Augenzeugenberichte war versteckt die Mahnung an die Nachfolger: Habt acht, ich werde alle eure Schritte genau beobachten!