Andere reden von Emanzipation, sie betreibt sie, und das schon ziemlich lange: Harriet Wegener, die am 8. November zwar 80 Jahre alt und dementsprechend gefeiert werden wird, sich im übrigen aber von dieser Zahl wenig irritieren läßt. Auch heute noch begibt sie sich zweimal jede Woche in den Hoffmann und Campe Verlag, nimmt, unter Vernichtung großer Mengen von Zigaretten, an Lektoratsbesprechungen teil und versorgt sich mit Heimarbeit für den Rest der Woche, schleppt Manuskripte ab, die begutachtet, lektoriert, übersetzt werden müssen. Nach Heine, und abgesehen von dem jetzigen Verlagsinhaber Ganske, ist Harriet Wegener die größte Konstante im Hoffmann und Campe Verlag, dem sie seit 1942 angehört und den sie über die Zeit, als es nicht gut war, Heine-Verleger zu sein, hinwegzuretten half.

Begonnen hatte Harriet Wegener durchaus nicht als Literatin, sondern, nach dem Studium der Nationalökonomie und Geschichte, das sie mit einer Doktorarbeit über "Frauenarbeit im Krieg" abschloß, in der Sozialpolitik. Sie war Leiterin der Sozialen Frauenschule in Kiel, ehe sie nach Hamburg kam und dort zehn Jahre lang als Mitarbeiterin des Instituts für Auswärtige Politik tätig war. Als praktizierende Demokratin war sie dann im tausendjährigen Konzept unerwünscht und wurde 1934 frist- und pensionslos entlassen.

Durch Übersetzungsarbeiten aus dem Italienischen und Französischen geriet sie dann an das, was immer mehr zu einer Lebensbeschäftigung ausartete: die Literatur. Von den englischen Besatzungsbehörden wurde sie nach 1945 in die erste Hamburger Bürgerschaft berufen, betätigte sich außerdem als Mitglied des Zulassungsausschusses der Philosophischen Fakultät der Universität und Mitbegründerin der Deutsch-Französischen Gesellschaft Cluny.

Für die Emanzipation in Form von männerabschaffenden Pamphleten hat Harriet Wegener nicht viel übrig. Sie hat sich die Mühe gemacht, es sich schwerer zu machen mit diesem Thema.

P. K.