Von Angelika Mechtel

Und immer wieder die Frage an junge Belgrader: "Was halten Sie von Deutschland?" Eine Belgrader Tänzerin fragt zurück: "Kommen Sie aus West- oder aus Ostdeutschland?" Eigentlich, sagt sie, sei es ihr egal, woher ich komme. Sicher. Ost oder West, das seien zwei verschiedene Dinge. "Aber", meint sie, "das ist Ihr Problem, nicht unseres."

Im Kindergarten lernen die Fünfjährigen neben dem Partisanenspiel den Unterschied zwischen Gut und Böse. Deutschland, das ist ein Synonym für das Böse. Die Welt besteht da noch immer aus Gut und Böse. Die übliche Misere.

Das junge Belgrad – das sind die jungen Belgrader oder, genauer gesagt, die jungen Serben in Belgrad. Nationalstolz kennen sie alle.

"Ich bin Serbe", sagt ein Junge, ungefähr zwanzig. Nein, "Jugoslawe" würde er sich nicht nennen. "Das ist so", sagt er, "meine Mutter ist Serbin, und mein Vater ist Serbe, also bin ich auch Serbe." Jugoslawe wäre er zum Beispiel dann, wenn sein Vater Serbe, aber seine Mutter Mazedonierin wäre. In diesen Dingen unterscheiden sie sich nicht von den Alten.

Anders ist es mit ihrem Image.

Das junge Belgrad trägt sich wie Paris, München oder London, wie Rom, Berlin oder Hamburg. Midi ist up to date. Mini, Midi und Maxi. Den Maxi aufgeschlitzt bis über die Knie. Oder Jeans und Trenchcoat. Auf jeden Fall die Haare lang. Und Bärte. Der Belgrader Underground ist "in"; und an den Alleebäumen auf dem "Boulevard der Revolution" wird für die Diskothek "Euridika" geworben. Im Kino des Gewerkschaftshauses auf dem Marx-Engels-Platz läuft "Doktor Schiwago" neben einer Ausstellung von Elektrogeräten und dem 7. Internationalen Oktobertreffen der Schriftsteller aus Ost und West. Gegen acht Uhr abends stehen junge Leute Schlange vor der Kinokasse; vorher haben sie sich für Elektroherde interessiert, waren sie im Gewerkschaftshaus auf eine Tasse türkischen Kaffee; aber nichts oder gar nichts wissen sie vom laufenden Schriftstellerkongreß, das ist so wie im Westen – nichts Neues.