Von Horst Krüger

Eigentlich fing es ganz harmlos an. Er saß mir gegenüber, Samstag abend. Er zündete sich seine Rothändle an; er war also ein kritischer Einzelgänger, ein Mann, der weiß, was er will. Ich schwenkte das Whiskyglas. Das leichte Geklicker der Eiswürfel gibt einem solch ein angenehmes, strenges Gefühl des Wohlbehagens, ein Gefühl von Leder, von Holzhaus und Waldeinsamkeit: Hat uns das nicht die Whiskyreklame längst beigebracht? Er blies den Zigarettenrauch nachdenklich aus. Der Rauch fing sich im Whiskyglas, zog stille Kreise, senkte sich auf die Eiswürfel nieder, lag auf dem Whisky – rauchzart. Plötzlich sagte er, mit dieser energischen Gebärde an der Zigarette ziehend, die bei Zigarettenrauchern immer eine wichtige Erkenntnis ankündigt: "Ich weiß nicht", sagte er, "diese Nobelpreisverleihung an Solschenizyn jetzt, mir gefällt das nicht. Das ist doch eine ganz faule Sache. Das ist doch wieder so ein Schachzug im Kalten Krieg."

Ich weiß, daß ich schwieg, aber etwas nervös wurde, das Whiskyglas etwas bewegter schwenkte, einen Schluck nahm und fragte: "Wie bitte? Wie meinen Sie das?" Er sagte: "Na ja, es mag ja ein großer Schriftsteller sein, es mag ihm auch schlechtgehen drüben, alles zugegeben, aber das müssen wir doch sehen: Diese Preisverleihung nützt hier nur dem Antikommunismus. Die Sowjetunion soll wieder verteufelt werden. Für alle kalten Krieger ist das doch ein Fressen. Eine ganz faule Sache, dieser Solschenizyn-Rummel hier. Finden Sie nicht auch? Pure Geschäftemachern, bah!"

Das war eigentlich alles, mehr nicht. Ich bin auf das Gespräch nicht eingegangen. Ich spürte nur. ein untergründiges Ziehen, so eine plötzliche Erregung in mir, daß ich dachte: Paß auf, laß dich nicht ein auf dieses Thema, fall nicht in diese Grube, sonst kracht’s. Es wird gleich einen riesigen Streit geben, nachmittags um sechs in unserem Whiskyverein. Ich schwieg also nur, zuckte die Achseln, sagte mit der unentschlossenen, faulen Gebärde aller Liberalen: "Ach, ich weiß nicht, vielleicht, aber man kann das auch anders sehen, vielleicht."

Ich wischte also das Thema mit vorsichtiger Gebärde vom Tisch wie Brotkrümel. Ich spürte, dies tuend: für dich sind das alles Bleisplitter. Das vergiftet dir alles: diesen Abend, mehr noch, eine Freundschaft. Warum mußt du immer alles so blutig ernst nehmen, jedes Wort auf die Goldwaage legen? Vielleicht hat er es gar nicht so ernst gemeint? Wir sprachen dann über Unternehmerwillkür, zum Beispiel Autorenausbeutung durch glatte Verlegerhand. Das brachte uns näher, versöhnte uns scheinbar. Der Abend jedenfalls war gerettet.

Die Sache hätte erledigt sein können, aber war es nicht – für mich. Sie ging mir nach, wie man sagt, sie verfolgte, beschäftigte, bedrückte mich dauernd. Irgendwo war ein Nerv getroffen, eine feine Verletzung, ganz unten – so etwas wird leicht zur fixen Idee. Man merkt das immer noch am zuverlässigsten im Schlaf, beim Träumen. Ich träumte ein unheimliches Zeug in der folgenden Nacht. Ich glaube, ich. stritt, ich prügelte mich mit diesem Freund und beschimpfte ihn maßlos. Dann, aufwachend, schrieb ich ihm einen Brief. Natürlich nicht wirklich, nur einen phantasierten. Sicher geht es anderen ähnlich? Morgens, aufwachend im Bett, noch von Träumen und Schläfrigkeit nicht entlassen, fallen mir immer die besten Argumente, meine schönsten Briefe ein. Messerscharf stellen sich frische und böse Formulierungen ein. Bloß gut, daß ich diese Briefe nie schreibe und abschicke. Sie sind wohl doch zu aggressiv und einseitig, immerhin.

Ich schrieb also, im Dunkeln im Bett liegend: Lieber Freund, Ihre Worte über Solschenizyns Nobelpreis gestern haben mich richtig verstört. Was seid ihr linken Dogmatiker nur für wunderliche Heilige, richtige Glaubensritter. Eure geliebte Sowjetunion, wo ihr nie lebtet, die ihr nie besuchtet, über die zu informieren euch nicht einmal nötig scheint, die haltet ihr hoch, wie einen Regenschirm, die kann eigentlich machen, was sie will: unter Stalin Millionen Menschen umbringen, mit Hitler sich Polen teilen, die kann in Prag mit eiserner Faust jeden Funken der Demokratisierung auslöschen, sie kann Schriftsteller verhaften, verurteilen, für geisteskrank erklären, unzählige Bücher verbieten – das absolut Gute, das Heiligtum bleibt sie euch doch.