Sie sind ja kein Einzelfall, schrieb ich in meiner Wut, hinter Ihnen, mein Bester, sehe ich Hunderte von westlichen Intellektuellen stehen, von Sartre bis Enzensberger und Lettau und Walser und Peter Weiss und wie sie alle heißen: die Ganzganzlinken. Ihr seid doch nur von einem wirklich überzeugt: daß diese westliche Gesellschaft abbruchreif, erledigt, nur noch kaputt zu machen sei. Ihr seid so felsenfest überzeugt, daß die Freiheit, die wir Autoren hier haben, nur eine Farce des Liberalismus, nur Scheinfreiheit, nichtsnutziges Geklingel ist. Ihr fangt ja schon an zu lachen, wenn ich das Wort Freiheit in den Mund nehme: Scheißfreiheit, feixt ihr, jetzt fängt der wieder mit diesen Kamellen des Liberalismus an. Aber wenn irgendwo hier einmal so ein Porno für drei Monate unter den Ladentisch muß, dann seht ihr den Polizeistaat, den Terror kommen, dann riecht ihr Faschismus. Bitte, warum läßt euch die Unterdrückung der Literatur im Kommunismus so kalt?

Ich will es euch sagen (schrieb ich im Bett, mich maßlos erregend – einsame Hysterien, also so ernst darf man das folgende auch nicht nehmen). Ich schrieb: Ihr kennt doch das russische Sprichwort? Mein Mann liebt mich nicht – er schlägt mich nicht. Im Grunde verachtet ihr doch diesen Staat hier, weil er euch nicht schlägt, sondern so grenzenlos frei läßt. Im Grunde bewundert ihr doch die Sowjetunion, weil sie ihre Intellektuellen in eine so harte Zucht nimmt. Im geheimen sehnt ihr euch alle nach Unterwerfung, nach Druck, nach harten Ruten, die euch leidend. Lust machen würden. Nicht wahr, was muß das für ein großer Zuchtmeister und Vater sein, der mit Autoren so umspringt wie etwa mit Biermann, mit Huchel, mit Havemann? Das findet ihr doch ganz in der Tiefe, durchaus unbewußt, imponierend. Das würde euch ganz neue Auftriebe geben, so schweigend zu leiden, in eurer masochistischen Heimstruktur. Wer ist denn hier abbruchreif?

So, jetzt war der Dampf abgelassen. Ich schlief wieder ein, erholte mich sichtlich. Ich fühlte mich am nächsten Morgen deutlich besser. Aggressionsabfuhr nennt man so etwas in der Sprache der Psychologen. Das Thema blieb, aber seine dynamische Aufladung war erloschen, gottlob. Ich war sehr erfrischt am Morgen, sah wieder klarer, nüchterner, sachlicher und dachte, durch die Stadt gehend: Also so geht das auch nicht. Man darf das nicht sagen, nicht so. Psychologisch mag vieles richtig sein, aber wohin führt dich das, politisch? Man steht ja plötzlich auf der falschen Seite. Man spielt sich zum Herold und Bannerträger der freien Welt auf. Das ist doch auch wieder ein ganz falsche Fronten und sieht sich plötzlich als Verteidiger unserer westlichen Kaufmannsmoral, die ja so großartig wirklich nicht ist. Ich habe auch zu oft "im Grunde" gesagt, auch das ist nicht geheuer. So etwas würde die Springer-Presse sicher gern drucken; das ist ein bedenkliches Zeichen. Paß auf, daß dir nicht dieser leichte Rechtsrutsch geschieht, dem viele Liberale ausgesetzt sind, den Linksradikalismus abwehrend. Wenn du so weitermachst, sind es eigentlich nur noch zwei Schritte, dann bist du bei dieser mystischen Freiheitstrompete, die die Welt immer so dröhnend bläst. Irgendwie wird man dann schließlich auch den Krieg in Vietnam mit unendlicher Bedenklichkeit, mit Schmerzlichkeit, privat, hinnehmen. Die Freiheit sei doch unteilbar, und irgendwie hingen Berlin und Saigon zusammen ... Also das geht nicht. Diese Position ist unannehmbar für dich. Du mußt einen neuen Brief schreiben. Du mußt dir alles noch einmal kaltblütig durch den Kopf gehen lassen. Wie ist es denn?

Tage später schrieb ich ihn dann, etwas zögernd, mehrfach durchstreichend, nachdenklich. Ich schrieb ihn natürlich nicht wirklich. Ich dachte nur beim Abendbrot, die Schmalzstulle kauend, du müßtest vielleicht schreiben: Lieber Freund, Ihre Worte neulich zum Nobelpreis für Solschenizyn sind mir sehr nachgegangen. Ich habe die Sache beschlafen, hin- und herbedacht, ich möchte Ihnen folgendes antworten: Was Sie über die Geschäftemacherei mit Solschenizyn hier sagten, stimmt wahrscheinlich. Allerdings sehe ich noch keinen Rummel um den Dichter, ich finde die publizistische Auseinandersetzung bei uns eigentlich auf gutem Niveau. Aber sollte der Rummel eintreten, hätten Sie recht: So etwas ist immer widerlich. Alles übrige, was Sie sagten, halte ich für falsch. Es sind lauter Klischees, die unsereinen, wenn sie von links kommen, natürlich immer noch zusätzlich erbittern. Was heißt denn hier: Kalter Krieg? Den gab es einmal zu Adenauers Zeiten. Mindestens seit dem Moskauer Vertrag, den Willy Brandt abschloß, gibt es ihn nicht mehr, nicht mehr als Staatsdoktrin, und wie die Barzels und Strauß’ den Fall Solschenizyn für sich ummünzen, ist belanglos. Die schießen mit ganz anderen Kanonen.

Aber was soll das heißen: nützt nur dem Antikommunismus? Ist das unsere Schuld? Wollen Sie denn einen Kommunismus verteidigen, der seine Schriftsteller so behandelt? Wenn die Unterdrückung abweichender Schriftsteller integral zum Kommunismus gehören sollte, dann bin ich natürlich "Anti", aber das glauben wir doch alle nicht. Das müßte sich abschaffen lassen, ohne deswegen den Sozialismus aus den Angeln zu heben. Ich finde es notwendig, gut und heilsam, daß dieser Defekt im Sozialismus jetzt in Stockholm an die große Glocke gehängt worden ist. Ich weiß, daß in dieses Geläute ganz mühelos auch der Chor der ewig Gestrigen einstimmen kann, aber das soll mich nicht ernstlich stören. Ich meine: Wo Unterdrückung ist, soll auch immer gesagt werden dürfen, daß Unterdrückung ist. Ich kann also Ihre Meinung nicht teilen. Ich halte diese Entscheidung in Stockholm für eine richtige, mehr noch: für eine heilsame. Es ist für die Sowjetunion sehr heilsam, zu merken, daß ihr solche Torheiten an der Peripherie, denn mehr ist Kultur ja nicht im Westen und Osten, nur schaden. Vielleicht lernt sie daraus wieder ein Stückchen? Es gibt nämlich auch Lernprozesse im anderen Lager, nicht wahr?