Von Ferdinand Ranft

Von den 1,3 Millionen kinderreichen Familien in der Bundesrepublik (800 000 Familien mit drei Kindern, 300 000 mit vier Kindern und 200 000 mit fünf und mehr Kindern) haben, laut Familienbericht der Bundesregierung, 45 Prozent noch niemals Urlaub machen körnen. Das ist, angesichts der allerorten verbreiteten optimistischen Reisestatistiken, eine erstaunliche Zahl. Gewiß, auch aus diesen Familien hat das eine oder andere Kind ein paar Ferienwochen bei Onkel und Tante oder bei den Großeltern verbracht, aber ein gemeinsamer Urlaub ist offenbar für rund die Hälfte aller kinderreichen Familien immer noch unerschwinglich. Dabei handelt es sich hier keineswegs nur um Familien mit niedrigen Einkommen.

Wie steht es in der Bundesrepublik mit den Familienferien? Welche Möglichkeiten bieten gemeinnützige Organisationen, die öffentliche Hand, Fremdenverkehrsorganisationen, Reiseveranstalter und das Hotel- und Gaststättengewerbe? In zwei Artikeln wollen wir versuchen, diese Fragen zu beantworten.

Familienferien sind offensichtlich ein Stiefkind des Fremdenverkehrs, trotz aller gegenteiligen Versicherungen. Sonst hätte ein Beispiel schon längst Schule gemacht, daß jetzt in Kurhessen und Waldeck zu ersten Ergebnissen führte. Als erste Gemeinden in der Bundesrepublik erhielten Nentershausen, Veckerhagen und Zierenberg das Prädikat "Anerkannter Familien-Ferienort".

Seit der Verabschiedung seines Fremdenverkehrsförderungsplanes im Jahre 1965 investierte das hessische Ministerium für Wirtschaft und Verkehr bereits beachtliche Beträge zur Verbesserung familiengerechter Ferien- und Erholungseinrichtungen. Um die Gemeinden und Fremdenverkehrsbetriebe zu noch besseren Leistungen für die Familienerholung anzuspornen, wurde im vergangenen Jahr eine besondere Prädikatisierung eingeführt. Den Ausgezeichneten winkt die bevorzugte Vergabe öffentlicher Mittel zur Förderung des Fremdenverkehrs.

Wer anerkannter Familien-Ferienort werden möchte, muß allerhand vorweisen können. Geprüft werden unter anderem Klima, Ortschaiakter, Unterkünfte, Wegenetz, Bücherei, Spiel- und Sporteinrichtungen, ja sogar das Trinkwasser. Die Straßen sollen staubfrei, die Betreuung von Kindern muß gewährleistet und ein Schwimmbad vorhanden sein. Die Mehrheit der ortsansässigen Übernachtungsbetriebe muß verbilligte Kinder-Pensionspreise anbieten, und in den Gaststätten haben Kindermenüs auf der Speisekarte zu stehen. Der schwierigste Punkt: Mindestens zwanzig Prozent der örtlichen Übernachtungskapazität müssen Familien-Ferienhäuser sein.

"Dorf im Wald" nennt sich das 2000 Einwohner zählende Nentershausen im Kreis Rotenburg/Fulda stolz. Es liegt zwar nicht im Wald, aber in der Tat wird der Ort von einem Kranz weiter Wälder des "Richelsdorfer Gebirges" umsäumt. Freundlich, lärmfrei und sauber präsentiert sich der neue Familienferienort dem Besucher.