Wer während der letzten Buchmesse zum Stand des tschechischen Verlags „Mlada Fronta“ ging, suchte vergeblich einen, der seit Jahren dort mehr als nur die tschechische Literatur vertrat. Die ihn damals vermißten, werden ihn nun immer vermissen. Vladimir Kafka ist am 19. Oktober an einem Hirntumor gestorben. Er war 39 Jahre alt.

Wer war er? Den faßbaren Daten nach Doktor der böhmischen Literatur (er promovierte über den Kritiker F. X. Salda); Übersetzer deutscher Literatur und Verlagslektor für beide Literaturen.

Gesagt ist damit wenig über das, was er in Deutschland für die tschechische und in Prag für die deutsche Literatur getan hat. Er war ein hoch angesehener Übersetzer. Von Franz Kafka übertrug er „Das Schloß“ und die Erzählungen, seit Jahren arbeitete er an den Tagebüchern, die nun nicht mehr fertig wurden, und plante eine Gesamtausgabe. Von Günter Grass hat er die „Blechtrommel“ übersetzt (er arbeitete an den „Hundejahren“), von Heinrich Böll „Billard um halbzehn“, daneben viel Kleines, das einmal zu Büchern werden sollte, Robert Walser etwa oder H. C. Artmann.

Aber Tätigkeiten wie die seinen blieben zu neun Zehnteln im Verborgenen, denn seine größte Bedeutung liegt sicher in dem, was er hinüber und herüber vermittelt hat. Es gibt vermutlich kein Land, in dem die deutsche Avantgarde bekannter ist als in der ČSSR. Ohne die besondere Aufgeschlossenheit der Tschechen im Unterschied etwa zu Franzosen oder Amerikanern oder Russen zu unterschätzen, läßt sich doch schwer denken, wie die Konkreten, die Wiener Gruppe, Autoren wie Heissenbüttel, Artmann, Bichsel, Jandl, Mon neben Böll, Enzensberger, Grass, Höllerer ohne seine Vermittlung dort so geläufig und einflußreich hätten werden können. Das geschah nicht nur durch Publikationen, hier waren die Möglichkeiten begrenzt, obwohl gerade er sie durch Geschick und Beharrlichkeit immer wieder erweiterte, sondern auch durch von ihm angeregte Einladungen der Autoren und durch private Verbreitung ihrer Bücher.

Seine unglaubliche Bescheidenheit allem gegenüber, was die eigene Person betraf, ließ nur einen einzigen Ehrgeiz zu, daß Bücher, die er für wichtig hielt, erschienen, gleichgültig, ob in seinem Verlag oder in einem anderen. Sein Verlag war „Mlada Fronta“, und wenn aus diesem Jugendbuchverlag in den letzten Jahren einer der angesehensten und wichtigsten literarischen Verlage in Prag geworden ist, so ist das nicht zuletzt sein Verdienst. Er hat nicht nur kraft seiner Persönlichkeit, seiner Umsicht und Besonnenheit und seines Charmes eine Reihe der wichtigsten modernen tschechischen Autoren an den Verlag geholt, er hat als Lektor wie als Redakteur und Mitherausgeber der Zeitschrift Tvař (Gesicht) zwischen ästhetisch so verschiedenen Autoren wie Hrabal und Havel, Vera Linhartova und Jiří Kolář, Josef Hirśal und Milan Nápravník ausgeglichen und vermittelt, hat, ohne selbst je zu ruhen, zwischen den Positionen ein Moment der Ruhe verkörpert. Daß schließlich diese Autoren, für uns Inbegriff moderner tschechischer Literatur, hier fast lückenlos publiziert sind, ist vor allem ihm zu danken.

Wer er wirklich war, kann man wohl niemandem erklären, der ihn nicht kannte. Er war kein Lektor, der Literatur vermittelte, er war ein Freund. Mit ihm, der John Cage und Diter Rot, Trotzki und Asterix las, war Verständigung möglich, weit über schöne Literatur hinaus.

Klaus Reichert/Peter Urban