Zweifellos entstammt das ökumenische Ringen um das Rassismusproblem nicht nur einer humanitären Empörung über schreckliche Unterdrückungen, sondern dem begründeten Gefühl, daß an einem neuralgischen Punkt der Weltentwicklung endlich etwas geschehen muß. Es entstammt auch erheblichem Schuldgefühl, vor allem der westlichen Welt. Was aber kann getan werden? Noch im Sommer, dieses Jahres hat der Lutherische Weltbund in Evian erklärt: "In einer hochtechnisierten Welt, in der die Gewaltanwendung immer größere Gefahren schafft, sollten Möglichkeiten gewaltlosen Widerstands und gewaltfreie Transformationen destruktiver Verhältnisse benutzt werden. ... Dabei sollten die auf Gewaltlosigkeit zielenden Impulse der Bergpredigt in neuer Weise ernstgenommen werden."

Inzwischen jedoch räumte der Generalsekretär des ökumenischen Rats, Dr. Blake, ein, daß eine Schwelle überschritten werden soll. Im Spiegel sagte er: "Jetzt kommt etwas Neues." Er ist selbst der Überzeugung: "Bisher lehnte der ökumenische Rat Gewaltanwendung zur Lösung von Konflikten ab." Jetzt aber will er offensichtlich den gerechten Rassenkrieg. Die Wogen gehen hoch! Es handelt sich um einen längst zu erwartenden Durchbruch der Theologie der Revolution.

Man will also Befreiungsorganisationen direkt unterstützen. Etliche von ihnen haben den gewalttätigen Umsturz auf ihre Fahnen geschrieben. Aber sie versprechen, die Hilfe humanitär zu verwenden. Das klingt beinahe treuherzig. Mit der Betonung der humanitären Verpflichtung hat sich denn auch die Hessen-Nassauische Unierte Kirche entschlössen, aus den Reihen der sich quälenden EKD zu tanzen. Sie stellte Genf 100 000 Mark Kirchensteuer zur Verfügung und hat, nebenbei bemerkt, den sehr empfindsamen Kirchenbemühungen um Einheit einen schweren Schlag versetzt.

Es ist wohl nun an der Zeit, das ökumenische Thesenpaket sorgfältig zu analysieren. Mit dem Argument, paternalistische Strukturen abzubauen, gibt man die Gelder unspezifiziert und unkontrolliert. Man gibt sie der einen Seite. Nach allgemeinem Verständnis ist aber humanitäre Hilfe unteilbar. Anders zu handeln wäre eine Sünde wider ihren Geist. Auch die Wunden des Gegners müßten verbunden werden. Davon wird erst einmal Abstand genommen. Außerdem ist es doch wahrlich nicht schwer zu verstehen, daß humanitäre Zeitgenossen angesichts der Auspizien von Guerilla-Kämpfen um die Art der Verwendung der Gelder besorgt sind. Dies wird aber abgewiesen. Dr. Blake erklärt, notfalls werden wir auch ohne diejenigen handeln, die die Stimme des Protestes erheben.

Aus beiden Symptomen kann man nur schließen: Es geht nicht eigentlich um humanitäre Hilfe. Den Primat hat der Gedanke der Subsidien für Organisationen, und zwar zugestandenermaßen auch für gewalttätige. Am Ende steht eine natürlich moralisch motivierte, indirekte Art ökumenischer Polizeiaktion zur Durchsetzung von Recht.

Dies bestätigen weitere Analysen. Ausdrücklich soll "Umverteilung von Macht" erreicht werden. Wie dies geschehen soll, ist schwer verständlich, es sei denn, man stütze organisierte Macht. Andere gibt es nicht. Genaugenommen meint man also die Umverteilung von Herrschaftsapparaten. Deshalb der Schritt zu Zuteilungen an Organisationen, wobei immer auch ausdrücklich betont wird, daß in bestimmten Situationen nichts anderes als Gewalt bliebe.

Mit anderen Worten: Die Kirchen bedienen Gewaltorganisationen, um ihr christliches Streben nach besserer Gerechtigkeit, wo sie doch so oft dabei verzagen, endlich effektiv zu machen. Das ist die ganze Wahrheit. Wer noch ein Augenmaß für Kirchengeschichte hat, kann sich denken, wie dies ausgeht. Es waren Zeiten größter Heillosigkeit, wenn mit dem Schwert zum Wohl des Kreuzes gestritten wurde. Es muß auch eine tiefe Kluft in der Christenheit entstehen. Dies ist ein makabres "ökumenisches" Metier. Auf der einen Seite wird nun die der Vernunft gebotene Intervention für das Recht der Menschen stehen, auf der anderen Seite die verbleibende Kirche unter dem Kreuz, die Anhänger des Gottes, der das Recht liebte, aber den Weg der Versöhnung ging und den Sünder nicht bekämpfte, indem er ihn beseitigte – und nach Lage der Dinge viele andere mit ihm. –