Ausgerechnet in dem Augenblick, in dem die evangelische Kirche in Deutschland im Begriff ist, ihren Jahrhunderte alten Konfessionshader zu begraben und ernsthaft auf eine Einheit der zwanzig westdeutschen Gliedkirchen hinzuarbeiten, ist neuer Streit in der evangelischen Christenheit ausgebrochen. Dabei geht es nicht mehr um konfessionelle, sondern um gesellschaftspolitische Fragen. Soll die Kirche denen beistehen, die für eine bessere Gerechtigkeit zur Not auch mit Waffen zu kämpfen bereit sind?

Am 2. September hatte der Weltkirchenrat beschlossen, 200 000 Dollar neunzehn verschiedenen Organisationen zur Verfügung zu stellen, die für die Befreiung unterdrückter Rassengruppen eintreten. Waffenkäufe mit kirchlichen Geldern waren damit freilich nicht beabsichtigt. Die Empfänger hatten ausdrücklich zugesichert, daß sie die Spenden nur für humanitäre Zwecke verwenden würden. Trotzdem erklärte der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland sofort sein höchstes Befremden.

Als dann die Synode einer Gliedkirche, der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, am 24. Oktober, wenn auch mit knapper Mehrheit, beschloß, die Entscheidung des Weltkirchenrates zu unterstützen und 100 000 Mark für das Antirassismus-Programm aus Kirchensteuermitteln zur Verfügung zu stellen, ließ sich der Streit der Meinungen nicht mehr hinter verschlossenen Türen verstecken. Kirchenführer erklärten ihr gegenseitiges Bedauern und Nichtverstehen. Man deutete an, daß das gerade begonnene Einigungswerk in der EKD gefährdet sei, man prophezeite eine starke Abkühlung im Verhältnis zwischen dem Weltkirchenrat und den westdeutschen Kirchen. Noch ist der Streit in vollem Gange.

Dabei veränderte sich in der Hitze der Debatte das Streitobjekt in einer merkwürdigen Weise. Eine aktuelle gesellschaftspolitische Entscheidung wurde schnell in eine Grundsatzdebatte über die Stellung der Kirche zur Gewalt umgemünzt. Die Versicherung des Weltkirchenrates, daß er die Kirchen keineswegs zur Gewalt aufgerufen habe, wurde beharrlich ignoriert. Mit der gängigen These, die Kirche Jesu Christi müsse sich von aller Gewalt distanzieren, ließ sich leicht die schwierige Frage zudecken, was die Kirche zur Überwindung des Rassismus beitragen könne und wolle. Aber mit beschwörenden Appellen kann auf die Dauer auch die Kirche des Wortes nicht ihrer Verantwortung für den Frieden und das Recht genügen.

Es ist kaum zu begreifen, daß die gleichen kirchlichen Kreise, die vor einigen Jahren für den Militärseelsorgevertrag eintraten, womit sie wenigstens indirekt die militärische Gewalt als ein legitimes Ordnungsinstrument anerkannt haben, jetzt mit einemmal denen jede Legitimation absprechen möchten, die sich in Notwehr befinden und in der Notwehr Gewalt anwenden. Dabei steht die Gewalt der afrikanischen Befreiungsbewegungen in gar keinem Verhältnis zu den Terrorinstrumenten, über die die Bundeswehr verfügt! Mißt man auch in der Kirche mit zweierlei Maß? Protestiert, man gegen jede Gewalt und verabscheut in Wirklichkeit doch nur die Gewalt von unten? Ist es in Wahrheit die Gewalt, oder ist es vielmehr die Umverteilung der Macht, die man fürchtet?

Kürzlich versuchte die Synode der Vereinigten Lutherischen Kirche in Deutschland eine Unterscheidung wieder aufzuwärmen, die seit bald 450 Jahren als Entschuldigung für die politische Farblosigkeit der Kirche herhalten mußte. Der einzelne Christ, so sagte man, könne vielleicht in die Lage geraten, in der er Gewaltmaßnahmen bejahen müsse, aber die Kirche als ganzes habe sich eindeutig von jeder Gewalt zu distanzieren. Nun, niemand erwartet von der Kirche, daß sie Waffenhandel mit Kirchensteuermitteln betreibt oder im Religionsunterricht Heckenschützen ausbildet. Aber das kann nur eine fromme Illusion sein, zu meinen, die Kirche könne politisch neutral bleiben. Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung! Eine Kirche, die den Unterdrückten nicht hilft, unterstützt die Unterdrücker!

Jesus von Nazareth, so sagt man, habe selbst keine Gewalt eingesetzt, um die Elenden zu erlösen. Gewiß nicht! Gelegentliche Versuche, Jesus doch zu einem antiken Rebellenführer zu erklären, wirken künstlich und bleiben historisch unglaubwürdig. Es bedarf auch solcher Versuche nicht! Wenn eine Diktatur so unerträglich geworden ist, daß die gequälten und entrechteten Bürger keine Möglichkeit mehr sehen, ohne gewaltsamen Widerstand zu überleben, so brauchen sie außer ihrer Verzweiflung und ihrem Mut keine zusätzliche Rechtfertigung ihrer Gewalt durch das Idol einer revolutionären Jesusfigur. Jede Weihe von Gewalt ist vom Übel, auch die Weihe der Notwehr!