Von Ernst von Weizsäcker

Die Genfer Abrüstungskonferenz hat in diesem Jahr lange über den Antrag debattiert, die Herstellung, Lagerung und Erforschung bakteriologischer und chemischer Massenvernichtungsmittel (B- und C-Waffen) zu verbieten. Eine Einigung zwischen Ost und West ist noch nicht abzusehen, ebensowenig wie die Kontrolle eines solchen Verbots ausgeübt werden soll. An der Forschungsstelle der Evangelischen Studiengesellschaft in Heidelberg hat eine Arbeitsgruppe untersucht, wie man zusätzliche Sicherungen gegen einen Mißbrauch in das Kontrollsystem einbauen könnte. Das Ergebnis ihrer Untersuchungen über "B-Waffen und Friedenspolitik" erscheint als Band 5 in der Reihe "Studien zur Friedensforschung (Ernst Klett Verlag, Stuttgart), aus dem wir einen Auszug veröffentlichen. Als Herausgeber zeichnet Ernst von Weizäcker, Wissenschaftlicher Referent an der Forschungsstätte.

Der Nutzen von Konventionen eines BC-Waffen-Verbots, das sich auf Einsatz, Produktion, Lagerung und Offensivforschung erstreckt, liegt nicht nur in den Vereinbarungen selbst, sondern auch in der breiten Bewußtseinsbildung. Dieser letztere Nutzen wird aufs Spiel gesetzt, wenn die Vereinbarungen eine falsche Sicherheit, eine Lösung des Problems vortäuschen. Damit dies nicht geschieht, sollte man zusätzlich zu den Verboten relativ unkonventionelle Verträge konzipieren, die gerade durch Abkehr von eingelaufenen Denkgewohnheiten auf die Neuartigkeit des Problems hinweisen. Wir denken etwa an die nachfolgenden Vorschläge, die uns heute schon im Ansatz als realisierbar erscheinen. Wir sind uns dabei klar, daß die kurze Begründung der Vorschläge noch keine kritische Beurteilung ist. Es kann hier erst darum gehen, die Diskussion anzuregen:

1. Die Erforschung der BC-Waffen-Verteidigung, die Erforschung für alle Nationen gleich interessant ist, kann schon heute wenigstens in Ansätzen internationalisiert werden. Wir akzeptieren den Vorschlag, ein Institut zur Dokumentation, Erforschung und Veröffentlichung dieser Fragen unter internationaler, zum Beispiel WHO-Kontrolle einzurichten. Das weltweite know-how in offensiver BC-Kriegführung dürfte dadurchnicht stärker steigen als ohnehin. Mancher Staat wäre der (vielleicht eingebildeten oder vorgeschobenen) Notwendigkeit enthoben, eigene BC-Verteidigungsforschung zu unterhalten, so daß unter Umständen manches System staatlich getragener Geheimforschung abgebaut werden könnte.

In der Forschungsabteilung des Instituts müßten im Gegensatz zur üblichen "Verteidigungsforschung" auch und gerade diejenigen Forschungslinien weiterverfolgt werden, die den Verteidigungsministerien weniger "lohnend" erscheinen und die dafür medizinisch-hygienische oder zivilindustrielle Fortschritte versprechen.

Ein solches Institut braucht baulich und personell nicht völlig neu errichtet zu werden. Die USA und Großbritannien erwägen seit einiger Zeit, die Geheimhaltung ihrer B-Waffen-Laboratorien aufzuheben und die Forschungsrichtung völlig auf Zivilhygiene und auf rein defensive Arbeiten (soweit das abgrenzbar ist) umzustellen. Es ist theoretisch denkbar, solche bestehenden Versuchsanlagen durch vertragliche Abmachunginternationalen Behörden zu unterstellen und gegebenenfalls international zu finanzieren.

2. Für jeden einzelnen Mikrobiologen, Hygieniker und Biochemiker (um hier nur die wichtigsten BC-relevanten Wissenschaften zu nennen) sollte die Öffnung und schließlich Internationalisierung der Forschung zu einem verbindlichen Ziel werden, wenn sie zuverlässig funktionieren soll. Wir halten eine Selbstverpflichtung des Wissenschaftlers auf Öffentlichkeit seiner Arbeit (und auf andere eher ethische Verhaltensweisen) für ein sinnvolles Mittel der Bewußtseinsbildung. Eine solche Verpflichtung kann speziell von denjenigen verlangt werden, die mit BC-Waffen direkt zu tun haben, wie es z. B. neuerdings für die Mitarbeiter des Instituts für Aerobiologie in Grafschaft/Sauerland Vorschrift ist.