ARD, Freitag, 30. Oktober: "Griechenland 1970". Von Klaus Liebe.

Jetzt plötzlich kann ich es mir sehr genau vorstellen. Ich begreife, wie den Emigranten zumute gewesen sein muß, vor dreißig Jahren in Paris oder Zürich, wenn sie einen Film sahen, der ihnen zeigte, wie es im Lande drinnen angeblich aussah: Der Führer zieht unermüdlich durchs Land, die Regierenden, Söhne des Volkes, nehmen sich der Sorgen kleiner Leute an (Mütterlein strahlt, Landwirt verneigt sich), das parlamentarische Ränkespiel hat ein verdientes Ende gefunden, SA-Männer gehen zur Kirche, die Industrie erinnert sich nationaler Verpflichtung, die Schlote rauchen, es steigt der Export, und mag auch von Demokratie im westlichen Sinn einstweilen noch die Rede nicht sein – hatte sie denn je eine Chance in Deutschland? Und mögen die Lager auch noch so erschreckend anmuten – die Deutschen sind eben anders, schon Karl der Große hat schließlich die Sachsen getötet... warum also nicht Hitler die Juden?

Ja, jetzt kann ich es mir vorstellen, nachdem ich (an Griechen denkend, die nicht in ihre Heimat zurückkehren können) den Film Klaus Liebes "Griechenland 1970. Drei Jahre Militärregierung" kennengelernt habe. Da wurde ein bißchen auf die bösen Obristen geschimpft, da fielen von Zeit zu Zeit sogar kräftige Worte gegen Pattakos und seine amerikanischen Freunde, ja der Entrüstungssturm über die faschistische Herrschaft der neuen Regenten wurde als berechtigt bezeichnet – aber auf der anderen Seite sah sich der Betrachter am Bildschirm durch den Hinweis beschwichtigt, daß, Verbannung her, Verbannung hin, die Verschickung von politischen Gegnern in Griechenland halt eine lange Geschichte habe: Im Zeichen des Ostrakismos verliert ein Begriff wie KZ nicht nur für klassische Philologen an existentiellem Gewicht.

Die Griechen, so erfuhr man, sind anders, man müsse ihren Nationalcharakter bedenken, den Individualismus vor allem, der die Demokratie dieses alten Seefahrervolks immer bedrohte: Da seien die Obristen nun freilich aus anderem Holze geschnitzt, dächten ans Ganze und kennten die Sorgen des Volkes, verstünden ihr Handwerk, von der Handhabung altehrwürdiger Sitten und Bräuche (Bürger Pattakos küßt die Ikone) bis hin zum Public-Relations-Geschäft – marschierten zu flotten Weisen durchs Land und erinnerten die Herren Onassis, Niarchos und Co. an ihre nationale Verpflichtung.

Per aspera ad astra hieß die Devise: Nur noch ein Zipfelchen Freiheit, nur noch dem CIA ein Stößchen vors Bäuchlein, nur ein klein wenig ausgeprägtere Erinnerungskraft auf Seiten der Herren Obristen – und alles wäre in Ordnung. Gegner scheint es ja ohnehin schon lange nicht mehr zu geben (weder im Lande noch jenseits der Grenzen)..., jedenfalls wurde keines von ihnen gedacht. Kein Emigrant erhielt Gelegenheit, die Dinge beim Namen zu nennen. Es redeten nur die Herren der Junta – die nannten Revolution, was der Verteidigung bestehender Eigentumsverhältnisse zugedacht war, und gaben als Sozialleistung aus, was Zwecke der Disziplinierung verfolgt –, es redete der Autor, der fügte alles zu allem, sagte weder "Lambrakis" noch "Andreas Papandreou", erklärte hingegen: "In Griechenland ist manches anders geworden, aber Griechenland war immer anders", schob auf den Nationalcharakter ab, was historisch und ökonomisch bedingt ist, und verwischte derart, dem Ewigen anheimgegeben, vom "Volk" orakelnd und dem Geist stets auf der Spur ("Byzanz formte die griechische Seele"), alle Konturen: Die Volksbewegung des alten Papandreou – identisch mit der "Demokratie" der Ära Karamanlis? (Und schließlich redete auch noch der Sprecher, der den Film mit den Worten ankündigte: "Drei Jahre Militärregierung. Erfolge. Versäumnisse. Charakter.")

Erfolge, Versäumnisse, Charakter: Jetzt weiß ich, wie den Emigranten, den Verfolgten und Gefolterten zumute war, damals, wenn sie so etwas hörten – in einem jener Filme, die deshalb so fatal sind, weil sie einen schwungvollen Aufstieg aus scheinbar gegnerischer Position heraus beschreiben. Ein Preislied, moralisch legitimiert durch die sogenannte "deutliche Sprache": Lieb Pattakos, magst dankbar sein. Momos