Von Joachim Nawrocki

Berlin, im November

Das Trojanische Pferd und der als Großmutter verkleidete Wolf, die "Ratten des CIA" und "schleichende Sohlen" geistern durch die Spalten der SED-Presse. Märchengestalten, Untiere und surrealistisches Beiwerk sollen unsichere Kantonisten das Gruseln lehren. Die kommunistischen Schriftgelehrten bemühen sich, ihren Lesern klarzumachen, daß friedliche Koexistenz und also auch der Gewaltverzichtsvertrag zwischen Bonn und Moskau weder den Verzicht auf Klassenkampf bedeutet noch an der angeblichen Gefährlichkeit des "Imperialismus" etwas ändert. Wachsamkeit, so heißt es, tut not, denn der Klassenkampf wird komplizierter.

An diesen Grundlagen kommunistischer Politik wird sich auch nach dem Versuch der DDR-Regierung, die Gespräche mit Bonn wiederaufzunehmen, nichts ändern. Denn einmal ist die Vokabei von der friedlichen Koexistenz ein festumschriebenen Begriff, der mit Aussöhnung oder Wandel nichts zu tun hat. Zum anderen ist die SED bemüht, auch nach ihrer überraschenden Initiative die eigene Politik als konsequent und unwandelbar darzustellen: Unablässig sei es das Ziel der DDR-Regierung gewesen, Entspannung und friedliche Regelungen zu erreichen, schreibt eine polnische Zeitung, die das SED-Blatt "Neues Deutschland" mit Behagen zitiert. Schließlich ist auch die sowjetische Regierung, die ja nicht erst seit gestern gesprächsbereit ist, unbeirrt der Ansicht, daß friedliche Koexistenz eine spezifische Form des Klassenkampfes sei; nur ist sie in ihren Schlußfolgerungen etwas beweglicher als die nach wie vor unsichere, von Zweifeln geplagte DDR-Spitze.

"Der imperialistische Wolf erscheint manchem als gütige Großmutter. Aber in Wirklichkeit ist es hier wie im Märchen: Wolf bleibt Wolf. Gewiß ist es oft schwierig, die ideologische Diversion des Gegners schon im Ansatz zu erkennen. Die Verkleidung als Großmutter gelingt manchmal ganz gut." So schreibt Harry Czepuck, stellvertretender Chefredakteur von "Neues Deutschland". Der Imperialismus, meint er, müsse die Taktik seiner Globalstrategie verändern und begebe sich nun "immer intensiver auf das Feld der Ideologie, um so in die sozialistischen Länder einzudringen". Deshalb erklärt Czepuck seinen Genossen, daß friedliche Koexistenz nicht mit ideologischer Koexistenz gleichzusetzen sei und schon gar nicht die Annäherung oder Angleichung der Systeme bedeute.

Noch farbiger drückte sich letzte Woche Klaus Steiniger in dem SED-Zentralorgan aus. Er frischte das alte Bild von der "Aggression auf Filzlatschen" auf und nannte es – etwas vornehmer, aber sprachlich unkorrekt – "Aggression auf schleichenden Sohlen". Einen ganzen Absatz widmete er der Kriegslist des Odysseus, die die Trojaner Gut und Blut kostete, und dann beschrieb er wortgewandt die bösen Folgen der "ideologischen Narkotika" aus dem Arsenal der Feinde des Sozialismus: "Weltanschauliche Aufweichung, Preisgabe des Klassenstandpunktes, Lähmung des Bewußtseins, zwiespältige Reaktionen, Trübung des Blickes, taumeln statt festen Schrittes."