Bernau

Niemanden würde es mehr wundern, wenn auch bei uns unkontrollierte Kräfte die leerstehenden Gebäude demonstrativbesetzten", sagte der Bürgermeister der 3400-Einwohner-Gemeinde Bernau am Chiemsee. Er spielte auf eine Aktion in München an, wo drei Tage zuvor bei einer DKP-Demonstration ein Häuserblock besetzt worden war, der den amerikanischen Streitkräften gehört und seit mehr als zwei Jahren leer steht. Auch Bernau hat sein Ärgernis, das als "Konservierung der Nichtverbrüderungspolitik" angesehen wird: das Rasthaus am Chiemsee.

Ungezählte Touristen kennen es, freilich nur aus der Tempo-100-Perspektive. Das Rasthaus liegt an jener landschaftlich besonders reizvollen Stelle, wo die Autobahn München–Salzburg in einem sanften Bogen an Oberbayerns größten See heranführt. 32 Jahre steht es schon, aber selbst Altbayern war es bisher kaum vergönnt, hier Rast zu machen. Eineinhalb Jahre nach seiner Eröffnung wurde es Erholungsheim für genesende Soldaten; später ließen sich die Sieger an dem schönen Plätzchen zwischen Wasser und Bergen nieder.

Im Sommer dieses Jahres schien es nun so, als würden die Amerikaner nach einem Vierteljahrhundert die Besatzungsmacht-Gepflogenheiten am Chiemsee aufgeben und auch Bundesbürger sowie ausländische Touristen ins Rasthaus lassen – bei getrennter Buchführung für deutsche und amerikanische Gäste. Doch das bayerische Finanzministerium hatte offenbar mit zu niedrigen Chargen verhandelt. Das ausgearbeitete Abkommen über die "Mitbenützung des Rasthauses am Chiemsee" fand jedenfalls nicht den Segen der höchsten US-Instanz in Heidelberg. Anstatt den Deutschen die Tür zu öffnen, verfügte General James H. Polk, daß das Rasthaus am 1. Oktober völlig geschlossen wurde und zwar zunächst bis 15. Mai 1971.

Kommentar des Bernauer Bürgermeisters Dr. Hugo Decker: "Generäle kommen eben zuweilen nicht über die Mentalität des Siegers hinaus."

Auch Bayerns Ministerpräsident Goppel hat den General in Heidelberg wissen lassen, daß der Sperrung des Rasthauses für Nichtamerikaner schon bisher wenig Verständnis in der Öffentlichkeit entgegengebracht worden sei: "Wenn diese große Anlage nunmehr über die Hälfte des Jahres geschlossen bleibt, so wird dies von der einheimischen Bevölkerung und von Reisenden mit großer Verärgerung zur Kenntnis genommen werden."

Vor dem 80köpfigen Personal des Hauses hat ein Teil das Angebot der US-Armee angenommen, in die Betriebe des amerikanischen Erholungszentrums in Berchtesgaden überzuwechseln. Bernau freilich fühlt sich als die am stärksten besatzungsgeschädigte Gemeinde in deutschen Landen. Sie hat errechnet, daß ihr durch das beschlagnahmte Rasthaus im vergangenen Jahrzehnt ein Steuerausfall von rund 800 000 Mark entstand; vor allem aber ist ihr Seeuferanteil um mehr als die Hälfte beschnitten, denn zu der großzügigen, im oberbayerischen Landhausstil des tausendjährigen Reiches errichteten Anlage gehören 13 Kilometer Seeufer. In dem schmucken Chiemgaudorf ist man stocksauer: "Mir müssen Millionen für a Kanalisation zahln, damit da See sauber bleibt und in dem sauberen Wasser derfa dann bloß d’Ami baden."