Von Alfons Dlugosch

Die Frage nach den in Polen lebenden Deutschen ist durch die deutsch-polnischen Verhandlungen und die Reise des Präsidenten des Deutschen Roten Kreuzes, Walter Bargatzky, nach Warschau aktuell geworden. Wie kompliziert diese Frage ist, bewies bisher die Weigerung der polnischen Seite, neben Problemen des Gewaltverzichts und der Oder-Neiße-Grenze auch das Schicksal der deutschgebürtigen Einwohner Polens zu erörtern. Für Warschau gibt es keine Deutschen in Polen; sie sind ihrer Staatsbürgerschaft und Nationalität nach Polen.

In dem rund 103 000 Quadratkilometer großen Gebiet an der Oder, der Lausitzer Neiße und in Ostpreußen, das 1945 an Polen gefallen ist, lebten von den 8,5 Millionen Deutschen nach Kriegsende noch rund 4,5 Millionen. Auf Grund des Potsdamer Abkommens, wo "die Rückführung der deutschen Bevölkerung oder Bestandteile derselben, die in Polen ... zurückgeblieben sind, nach Deutschland" festgelegt wurde, mußten bis 1951 rund 3,3 Millionen ihre Heimat verlassen. Damals wurden die Ostgebiete von Deutschen fast völlig entvölkert; bis auf Oberschlesien, wo rund 1,2 Millionen ehemalige deutsche Staatsbürger blieben, die, oft zweisprachig, von den polnischen Behörden als Autochthonen (Ureinwohner) bezeichnet und damit als Nachkommen der polnischen Urbevölkerung anerkannt wurden. Als Autochthone galt – mit Ausnahme von NS-Funktionären, Offizieren der Wehrmacht, höheren Beamten und deren Familien – praktisch jeder, der sich entschloß, in der heutigen Woiwodschaft Opole (Oppeln) und im westlichen Teil der Woiwodschaft Katowice (Kattowitz) zu bleiben.

Die Entscheidung der meisten Oberschlesier, ihre Heimat nicht zu verlassen, ist vor allem darauf zurückzuführen, daß die polnischen Behörden nicht auf ihre Ausreise drängten. Im oberschlesischen Grenzgebiet gab es auch Menschen, die sich als Polen fühlten und die polnische Oberherrschaft begrüßten; aber die meisten Oberschlesier, die in ihrer Heimat blieben, betrachteten sich als Deutsche und hofften, daß die Gebiete an der Oder und Lausitzer Neiße wieder zu Deutschland zurückkehren würden. Bis dahin wollten sie Haus und Hof nicht verlassen. Als sie ihre Hoffnung aufgeben mußten, war es für eine legale Ausreise meist zu spät.

Nicht alle der oberschlesischen Autochthonen waren zweisprachig; viele hatten deutsche Familiennamen, die sie unter Druck in polnische ändern mußten. Es war zudem verboten, in der Öffentlichkeit Deutsch zu sprechen; für die oberschlesischen Kinder gab es nur polnische Schulen.

Die endgültige Option für Polen wurde den Oberschlesiern Ende der 40er Jahre abverlangt, als die Behörden den Austausch der bis dahin gültigen provisorischen Personalbescheinigungen in Personalausweise verfügten. Drohungen, daß jene, die die Annahme der polnischen Ausweise verweigern würden, mit der Entlassung aus ihrer Arbeit rechnen müßten, zwangen viele dazu, die Anweisungen zu befolgen.

Für das Jahr 1950 wird in polnischen Statistiken die Zahl der Autochthonen mit 1 160 000 angegeben. Außerhalb Oberschlesiens waren nach Abschluß der von den Polen forcierten Aussiedlungsaktionen im Jahre 1951 rund 75 000 Deutsche übriggeblieben; ihre Lage unterschied sich grundsätzlich von der Situation in Oberschlesien.