Vor dem Ratio-Markt in Ratingen bei Düsseldorf stoppte ein Omnibus mit Solinger Kennzeichen. Heraus strömten etwa dreißig Frauen, drängelten sich in den Eingang des Mammut-Basars und begehrten sämtlich je einen Elektrorasierer der Marke Krups 80 zum Preis von 49 Mark.

Doch die Solingerinnen mußten schon nach wenigen Augenblicken wieder die Heimfahrt antreten – ohne Rasierer. Durch einen Späher des Ratio-Marktes rechtzeitig von der Ankunft des Sammeltransports unterrichtet, komplimentierte die Geschäftsleitung die Bus-Kundinnen höflich, aber bestimmt aus der Halle.

Auf solche Versuche der Solinger Elektrogeräte-Firma Robert Krups, ihre Rasierapparate heimlich aus dem Ratio-Markt herauszukaufen, waren die billigen Händler seit Donnerstag vergangener Woche gefaßt. An diesem Tag bot Ratio in groß aufgemachten Zeitungsinseraten (Slogan: "Ratio sprengt die Preisfessel") den zum gebundenen Preis von 69 Mark. verkauften Krups-Rasierer um 20 Mark billiger an. Gleichzeitig stürzten die Ratio-Manager den Preis verschiedener Toilettenschränke der Frankfurter Firma Allibert.

Mit ihrer Aufkaufaktion – zwischen Allibert-Emissären und Ratio-Angestellten kam es sogar zu Handgreiflichkeiten – versuchten die attackierten Produzenten, einen drohenden Rutsch ihrer Preise aufzuhalten und so die Beamten des Berliner Kartellamtes daran zu hindern, die Preisbindung wegen Lückenhaftigkeit aufzuheben.

Die Ratio-Firma Terfloth & Snoek im westfälischen Münster (Umsatz 1969: 880 Millionen Mark) startete ihren Preiscoup nur wenige Tage nach einem spektakulären Angriff auf die gebundenen Preise der deutschen Farbfernsehgerätehersteller. Die Westfalen, die außer in Ratingen noch weitere Verbrauchermärkte in Bochum, Münster und Hannover unterhalten, verkauften Grundig-Geräte 500 Mark billiger, Blaupunkt-Fernseher 430 Mark und das Graetz-Modell "Burggraf" 316 Mark unter Preis.

Auch die Tele-Produzenten ließen nichts unversucht, die billige Ware aus dem Markt zu nehmen. Um bei ihren diskreten Käufen nicht aufzufallen, verluden getarnte Graetz-Leute die einzeln gekauften Geräte in einen Volkswagen und transportierten sie zu einem in angemessener Entfernung abgestellten Lkw. Doch nach der vierten Fahrt entdeckten Ratio-Leute den Trick und ließen die unerwünschten Kunden abblitzen.

Mit Genugtuung konnten die Münsteraner überdies die mangelnde Neigung ihrer Gegner registrieren, im Streit mit Ratio gerichtliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Fernsehhersteller zogen damit allerdings nut die Konsequenz aus dem Instanzenkrieg, den der Photokonzern Agfa-Gevaert im vorigen Jahr gegen Ratio verloren hatte.