"Vor der Linie – Der moderne Mensch und der Tod", herausgegeben von Arnold Toynbee. Auf Initiative des englischen Historikers Toynbee schrieben Mediziner, Psychologen, Parapsychologen, Theologen und Philosophen über den Tod. Das Ergebnis sind medizinische und philosophische Definitionen des Todes, Darstellungen zur Geschichte von Todesriten und -symbolen in Religion, Dichtung und Mythos und der Versuch, die Jenseitsproblematik rational zu erfassen. Bei einem Thema, das alle betrifft, alle beschäftigt und dennoch von der Allgemeinheit konsequent verdrängt wird, sind Allgemeinverständlichkeit, ein leicht abenteuerlich anmutendes historisches Material und möglichst differenzierte Denkansätze günstige Voraussetzungen, sich zu sachlicher Auseinandersetzung anregen zu lassen. Die Frage nach der medizinischen Definition des Todes ist seit dem Aufkommen der Transplantationschirurgie besonders akut geworden. Zwar haben sich die Todeskriterien gegenüber früheren Zeiten nicht grundlegend geändert – auch heute ist das einzig wirklich unbestreitbare Zeichen immer noch das Einsetzen der Verwesung – aber die Problematik ist eine andere. Galt einstmals die Hauptsorge der Vermeidung eines zu frühen Begräbnisses (ganz Besorgte baten darum, vor ihrer Einsargung auf alle Fälle noch den Kopf abgeschlagen zu bekommen), so liegt die Schwierigkeit heute in der Unterscheidung zwischen dem somatischen Tod, "dem Auslöschen der Persönlichkeit und dem molekularen Tod "als eigentlichem Tod der Zellen, die den Körper bilden". Die Times nannte diesen, in deutscher Übersetzung nun inkonsequenterweise mit dem wieder verschleiernden Titel "Vor der Linie" bedachten Band "ein heilsames, ja therapeutisches Buch". Das heißt nicht, daß es ein Trostspender ist für Lebenslustige. Aber es ist geeignet, den Tod aus der Tabuzone zu ziehen. (S. Fischer Verlag, Frankfurt; 400 S., 28,– DM) Christel Buschmann

"Die deutschsprachige Anthologie", Band 1: "Ein Beitrag zu ihrer Theorie und eine Auswahlbibliographie des Zeitraums 1800–1950", Band 2: "Studien zu ihrer Geschichte und Wirkungsform", herausgegeben von Joachim Bark und Dietger Pforte. Eine Geschichte und Beschreibung der deutschsprachigen Anthologie ist längst überfällig. Es ist das Verdienst Walter Höllerers und seines Literarischen Colloquiums, eine Erforschung dieses vernachlässigten Gebiets angeregt zu haben, wobei sich – wie in den Anthologien selbst – literarhistorische, poetologische und soziologische Fragen verschränken. Endgültiges ist noch nicht zu erwarten, Begriffsklärungen haben den Vorrang. Die Hauptessays von Wiedemann, Bareikis, Bark, Höllerer, Pforte, Sichelschmidt, Trott und Wais gelten im wesentlichen der Typenerkundung und Inhaltsanalyse. Ärgerlich ist zuweilen der hochgestochene Jargon der Wissenschaftlichkeit, den die Herausgeber offenbar dem Aufdruck "Forschungsunternehmen der Fritz Thyssen Stiftung" schuldig zu sein glauben: "Zu sagen, was zu sagen sich eigentlich erübrige, ist ein Topos von Vorwörtern, um Mißdeutungen vorzubeugen. Wir tradieren diesen Topos gern, indem wir sagen..." Man möchte keine Definition und Typologie der Anthologie geben, keine normative Theorie vortragen und ist sich bewußt, "daß diese Arbeit einen formulativen Charakter hat". Was jedoch nottut, ist ein historischer Überblick, der die Wandlungen der Anthologie erkennen ließe. Damit erledigte sich der normative Anspruch von selbst. Der Haupteinwand gegen das äußerst verdienstvolle Unternehmen richtet sich gegen die schematische Abgrenzung (bis 1950); sie läßt mit den Jahren 1950 bis 1965 genau jene erstaunliche Renaissance aus, die dieser Buchtyp in der deutschen Literatur seit dem Kriege erlebt hat. Damit bleiben auch wichtige Ansatzpunkte der Erforschung vorläufig unberücksichtigt. (Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt; Band 1 CXXIV+215 S., 42,50 DM, Band 2 VIII+341 S., 48,50 DM) Martin Gregor-Dellin