Berlin

Eine Groteske braucht nicht geschrieben zu werden, es ist eine: Eckehard Lehmann, 24 Jahre, vorbestraft, verbüßt eine Strafe wegen eines Verkehrsvergehens nur mit Unterbrechungen. In den letzten sieben Monaten ist er zweimal ausgebrochen und wurde zweimal wieder gefaßt. In dieser Woche verkehrte er mit Polizei und Justizbehörden nur noch per Telephon und bat um die Unterbringung in der Jugendstrafanstalt Plötzensee – falls er zurückkommen sollte. Denn wieder einmal war es ihm gelungen zu fliehen und die Berliner zum Lachen zu bringen.

Am Mittwoch voriger Woche hatte ein Häftling die Gefängnisärztin mit einem Messer verletzt und danach erklärt, Lehmann habe ihn dazu angestiftet: Mit der Ärztin als Geisel habe er seine Freiheit erzwingen wollen. Am Freitag sollte dann Eckehard Lehmann verhört werden, und weil seine Gefährlichkeit bekannt war, nahm der Vernehmungsbeamte der Kriminalpolizei zwei Beamte mit und auch eine Pistole – in der Aktentasche. Die Zelle, in der Lehmann untergebracht war, erwies sich als zu klein und zu dunkel. Also schauten die Beamten nach einem größeren Raum aus. Lehmann und die Aktentasche blieben unbeobachtet. Als die Beamten zurückkamen, war der Häftling bewaffnet und kam so zu seinen Geiseln.

Lehmann verlangte, freigelassen zu. werden. Die Polizei rückte mit Mannschaftswagen, Schützenpanzerwagen, mit Schutzhelmen sowie mit ihrem Präsidenten und ihrem Kripochef in Tegel an. Der Anstaltspfarrer handelte schließlich einen Kompromiß aus: Lehmann erhielt für sechs Stunden Ausgang, um "persönliche Dinge" zu erledigen. Zuvor gab er die Pistole zurück. Damit der Pfarrer nicht unglaubwürdig wird, hielt sich die Polizei an das erpreßte Zugeständnis.

Lehmann fuhr mit seiner inzwischen herbeigeeilten Frau, dem Pfarrer und einem Beamten des Strafvollzugs im Wagen des Geistlichen in die Stadt, hinter ihm ein Wagen voller Kriminalbeamter. Sein erster Weg führte ihn zur Dienststelle des Justizsenators, wo er vergeblich um Aussetzung seiner Strafe bat. Danach verloren ihn die Kriminalbeamten aus den Augen und entdeckten ihn erst am Abend wieder in der Wohnung seiner Mutter. Dort ging es inzwischen munter zu. Familienmitglieder waren eingetroffen, Journalisten, Photographen. Der Pfarrer gab Lehmanns Sohn Torsten die Flasche, und Lehmann erledigte im Nebenzimmer mit seiner Frau persönliche Dinge. Vor dem Haus der Mutter am Lichtenfelder Ostpreußendamm berieten die Kriminalbeamten, was zu tun sei. Spürhunde sollten herbeigeschafft werden, aber diese wurden bei einer Demonstration in Spandau gebraucht. Dann holten die Beamten anscheinend die "Aktion Denkpause" nach, mit der ihre Kollegen in Westdeutschland drei Tage zuvor für eine bessere Kriminalitätsbekämpfung werben wollten. Die Hinterfenster des Hauses blieben unbeobachtet. Als der Termin der Rückkehr nach Tegel nahte, scheute sich Lehmann nicht, den ältesten Trick aller Ausbrecher zu nutzen: er mußte auf die Toilette. Der Justizbeamte ließ ihn. Später fand er das Toilettenfenster offen. Der Pfarrer, der an das Gute im Menschen glaubt, war bitter enttäuscht. J. N.