Von Eva Cornelia Schock

Der Linksradikalismus, der sogenannte Linkskommunismus und der Syndikalismus haben in Deutschland immer einen schweren Stand gehabt. In der Wilhelminischen Zeit, etwa seit Ende des 19. Jahrhunderts, wurde in der deutschen Arbeiterbewegung heftig um Grundsatzfragen gerungen: Sozialreform oder Revolution als Endziel, zentralistischer oder föderalistischer Aufbau, politischer Kampf außerhalb oder innerhalb des Parlaments? Die Kritik der Linken richtete sich gegen die wachsende Zentralisierung und Bürokratisierung der traditionellen Arbeiterorganisationen, der SPD und der Gewerkschaften. Die linksradikale Position, die zum Spartakusbund und zur KPD hinführte, ist in West und Ost in verschiedenen Studien untersucht worden. Unentbehrlich sind für die Kenntnis dieser Bewegung die Schriften von Rosa Luxemburg über die Alternative Sozialreform oder Revolution, den Massenstreik, das Verhältnis von Partei und Gewerkschaften; sie sind jetzt, eingeleitet von Susanne Hillmann und mit biographischen Daten und einer Zeittafel versehen, in der Taschenbuchreihe "Texte des Sozialismus und Anarchismus" erschienen:

Rosa Luxemburg: "Schriften zur Theorie der Spontaneität"; Rowohlt Klassiker Nr. 249 bis 251, Rowohlt Verlag, Reinbek 1970; 250 Seiten, 4,80 DM.

Die andere linksradikale Position, deren Theoretiker auf der linkskommunistischen Seite vor allen die beiden Holländer Anton Pannekoek und Herman Gorter, auf syndikalistischer Seite Rudolf Rocker und Fritz Kater waren, ist bisher kaum berücksichtigt worden, obschon sie nach der Novemberrevolution von 1918 in vielen Organisationen verfochten wurde. In den von Wolfgang Abendroth herausgegebenen "Marburger Abhandlungen zur Politischen Wissenschaft" erschien nun eine umfangreiche Dissertation zu diesem Thema:

Hans Manfred Bock: "Syndikalismus und Linkskommunismus von 1918 bis 1923. Zur Geschichte und Soziologie der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (Syndikalisten), der Allgemeinen Arbeiter-Union Deutschlands und der Kommunistischen Arbeiter-Partei Deutschlands"; Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan 1969; 482 Seiten, 49,60 DM.

In der Frage der Spontaneität der proletarischen Massen stimmten Rosa Luxemburg und Anton Pannekoek ziemlich überein, doch in der Organisationsdebatte ergaben sich während des Ersten Weltkrieges, wegen der Burgfriedenspolitik der Sozialdemokraten, erhebliche Differenzen. Während die polnische Sozialistin überzeugt war, daß man sich nicht von den Massen entfernen und aus der Partei austreten dürfe, nur weil ihre Führung eine als falsch analysierte Politik betreibe, wollten die von Pannekoek beeinflußten Bremer Linken organisatorisch selbständig werden.

Auf dem ersten Parteitag der KPD vereinigten sich der Spartakusbund mit den seit Oktober 1918 als "Internationale Kommunisten Deutschlands" firmierenden Bremer Linken. Die wichtigsten Prinzipien des Linkskommunismus – Von Eva Cornelia Schock Antiparlamentarismus, Antizentralismus, antigewerkschaftliche Haltung – dominierten auf diesem Parteitag dank einer linkskommunistischen Mehrheit, die sich auch aus Mitgliedern des Spartakusbundes rekrutierte.