Von Joachim Nawrocki

Berlin, im November

Die Wende in der Deutschlandpolitik der DDR kam überraschend. Am gleichen Tag, an dem Kurt Hager, Mitglied des SED-Politbüros, bei einer Pressekonferenz in Paris neue Gespräche zwischen Bonn und Ost-Berlin als "kaum vorstellbar" bezeichnete, trafen Professor Herbert Bertsch und Rolf Muth, Mitarbeiter des Presseamtes beim Vorsitzenden des DDR-Ministerrates, in Bonn ein, um ebensolche Gespräche zu vereinbaren.

Hagers Parteigenosse Hermann Axen hatte in Paris erklärt, die Bundesregierung habe leider noch keine realistische Position zu Ulbrichts Vertragsentwurf über die Aufnahme gleichberechtigter Beziehungen bezogen. Hager hatte ergänzt: Solange Bonn eine solche realistische Haltung nicht einnehme, werde es kaum zu neuen Gesprächen kommen, denn die Bundesregierung habe weder den Bonn–Moskauer Vertrag ratifiziert, noch ihre Absicht zu Aufnahme gleichberechtigter Beziehungen zur DDR erkennen lassen.

Die DDR-Presse berichtete über diese Ausführungen von Hager und Axen nicht mehr, denn inzwischen war die Denkpause in Ost-Berlin beendet.

Etwas spät war im SED-Politbüro die Erkenntnis gereift, daß die DDR nicht länger das "eiserne Eineck" bleiben konnte. Als Außenminister Gromyko am Donnerstag voriger Woche zu Besprechungen in Ost-Berlin eintraf, konnte ihm die SED-Spitze die Erklärung vorweisen, daß die beiden deutschen Regierungen einen Meinungsaustausch über Fragen vereinbart hatten, "deren Regelung der Entspannung im Zentrum Europas dienen würde und die für beide Staaten von Interesse sind".

Über den Verlauf der Gespräche Gromykos in Ost-Berlin gibt es verschiedene Interpretationen. Die Ost-Berliner Nachrichtenagentur berichtete, der Meinungsaustausch habe erneut die volle Übereinstimmung in allen erörterten Fragen bestätigt und sei in einer herzlichen und freundschaftlichen Atmosphäre verlaufen. Als Gromyko einen Tag später zu seinem Treffen mit Scheel abflog, war von Übereinstimmung nicht mehr die Rede. Vielmehr sagte der sowjetische Außenminister: "Bekanntlich gibt es immer solche Fragen, die der Beratung bedürfen und die eine Abstimmung der Positionen erfordern." Das ist im kommunistischen Sprachgebrauch eine ungewöhnliche Formulierung; denn abgestimmt müssen nur solche Positionen werden, die nicht übereinstimmen.