Die "Denkpause" in den innerdeutschen Beziehungen ist beendet: Fünfeinhalb Monate nach dem Kasseler Treffen der Regierungschefs Brandt und Stoph wurde überraschend bekanntgegeben, daß der Dialog zwischen der Bundesrepublik und der DDR wieder aufgenommen wird. Wie in gleichlautenden Erklärungen in Bonn und Ostberlin angekündigt wurde, sollen die Gespräche noch in diesem Jahr stattfinden. Ort und Termin sowie die Ebene, auf der verhandelt werden soll, sind noch offen. Als Leiter der Bonner Delegation ist Staatssekretär Bahr vorgesehen; die vorbereitenden Gespräche wird, wie schon vor dem Treffen in Erfurt und Kassel, Ministerialdirektor Sahm vom Bundeskanzleramt führen.

Bei den Themen wird die Bundesregierung von den 20 Punkten ausgehen, die Brandt in Kassel vorgelegt hat. Mit dem offiziellen Meinungsaustausch will Bonn, wie Regierungssprecher Ahlers nachdrücklich betonte, auf keinen Fall in die Berlin-Verhandlungen der vier Großmächte eingreifen, deren Botschafter sich am Mittwoch zu einem neuen Gespräch trafen. Fragen, die Berlin betreffen, würde Bonn erst aufgreifen, wenn darüber im Auftrage der Großmächte gesprochen werden könnte.

Vorerst wird nur über innerdeutsche Probleme Verhandelt, bis möglicherweise die drei Westmächte ihre Vollmacht an die Bundesregierung delegieren, unter Umständen schon vor Abschluß der Viermächteverhandlungen. Offen bleibt, worüber die DDR zu verhandeln wünscht. Nach Ahlers Worten stellen beide Seiten keine Vorbedingungen. So hat auch die DDR ihre Forderung nach völkerrechtlicher Anerkennung vor Verhandlungsbeginn nicht wiederholt.

Außenminister Scheel hob am Wochenende hervor, daß bei Abwicklung eines Berlin-Abkommens der vier Mächte bestimmte Funktionen an die Bundesrepublik, die DDR und Westberlin delegiert werden müßten. Art und Umfang dieser Maßnahmen werde man erst in den Verhandlungen erkennen können.

Zum erstenmal seit Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Bonn und Moskau besuchte ein sowjetischer Außenminister die Bundesrepublik. Außenminister Scheel sprach letzten Freitag in Schloß Kronberg bei Frankfurt mehrere Stunden mit seinem Moskauer Kollegen Gromyko, der für einen Tag, von Ostberlin kommend, in der Bundesrepublik eintraf. Zu den Themen des überraschenden Gespräches gehörten Fragen einer europäischen Sicherheitskonferenz und das Berlin-Problem.

Beide Seiten hoben hervor, dieser Besuch beweise die "Klimaverbesserung", die nach Unterzeichnung des Moskauer Vertrages eingetreten sei. Man habe – so Scheel – "durchaus eine geeignete Grundlage zum Verstehen" gefunden. Das Verhältnis Ostberlin–Bonn wurde nur kurz gestreift; es besteht jedoch kein Zweifel, daß die Verhandlungsbereitschaft der DDR mit Gromykos Besuchen in den beiden deutschen Staaten zusammenhängt.

Gromyko bestätigte, wie schon bei seinem vorhergegangenen Besuch in London, daß Moskau an einem Ergebnis in der Berlin-Frage interessiert sei. Allerdings scheint fraglich, ob die Sowjetunion einem förmlichen Vertrag zustimmen werde, besonders dann, wenn darin juristisch die Bindungen Westberlins an die Bundesrepublik fixiert würden.