Von Ernst Weisenfeld

Paris, im November

Bundesaußenminister Walter Scheel erklärte Anfang der Woche während seiner Stippvisite in Paris, er sei sich mit seinem französischen Kollegen "völlig einig". Maurice Schumann sprach von "ähnlichen Standpunkten". Aber er gab dieser "Ähnlichkeit" ein besonderes Gewicht, indem er hervorhob, sie habe sich "im schwierigsten Augenblick der Unterhaltung" gezeigt, nämlich bei der Berlin-Frage.

Beide Außenminister erreichten eine gemeinsame Ausgangsposition für die neue Phase der Vierer-Verhandlungen über Berlin. Doch die Verschleißprobe eines langen und zähen Tauziehens steht beiden noch bevor, und in Paris ist man sich dieser Gefahr bewußt. Es geht vor allem um die Rolle der DDR bei einer neuen Berlin-Regelung. Die französische Regierung sagt seit Anfang des Jahres gegenüber deutschen Besuchern etwa folgendes: "Übersehen Sie nicht die Gefahren einer neuen Berlin-Krise. Wenn Ulbricht eines Tages seine Quasi-Anerkennung erreicht hat, dann wird Berlin sein nächstes Ziel sein." Solche Hinweise folgen immer der Beteuerung, Frankreich begrüße die deutsche Ostpolitik als eine Ergänzung der französischen. Hinter den Warnungen verbirgt sich auch das französische Interesse an der Erhaltung von Vier-Mächte-Verantwortlichkeiten, die das Mitspracherecht an der deutschen Zukunft garantieren. Aber verlieren die Warnungen dadurch an Gewicht?

Das diplomatische Paris ist nervös geworden: Gromyko-Besuch in der Bundesrepublik, neues Vierer-Treffen über Berlin, die Abgesandten der DDR in Bonn mit ihrem Angebot zu einem innerdeutschen Berlin-Gespräch. Paris sah zunächst seine Befürchtungen bestätigt, daß Moskau nach der Unterschrift unter den deutsch-sowjetischen Vertrag zu Berlin-Zugeständnissen nicht mehr ohne neue Gegenleistung bereit sein werde. Es schien logisch, daß es diesmal versuchen würde, Ulbrichts Wünsche zu befriedigen.

Wenn Ulbricht für den Moskauer Vertrag und für die Annäherung Bonns an die anderen Hauptstädte des Ostens entschädigt werden muß, dann würde Paris eher einen höheren Grad der Anerkennung Ostberlins ertragen als eine Beteiligung der DDR an einem Berlin-Statut. Auf die UN-Mitgliedschaft der beiden deutschen Staaten ist Frankreich vorbereitet. Es wird, so kann man in diesem Zusammenhang schon lange hören, "nicht deutscher sein als die Deutschen".

In der vergangenen Woche kam zum erstenmal eine offizielle DDR-Delegation nach Paris, geführt vom Chefideologen der SED, Professor Hager, und vom ZK-Sekretär Axen. Von irgendwelchen Kontakten mit offiziellen Stellen wurde nichts bekannt. Allein die formelle Einreiseerlaubnis und das öffentliche Auftreten waren neu. Die Ausweitung der Handelsbeziehungen hatte schon vorher beträchtliche Fortschritte gemacht. Der Frankreich-Delegierte der Außenhandelskammer von Ostberlin wurde in den Rang eines "bevollmächtigten Ministers" erhoben.