Von Hans Eckart Rübesamen

Ich beneide die Anfänger des weißen Sports. Sie können es sich leisten, in einen richtigen, gemütlichen, überschaubaren Skiort zu fahren, mit Gasthäusern, Bauernhöfen und der würzigen Duftmischung aus Kuhmist und Kuhmilch, dorthin also, wo die Kirche noch im Dorf geblieben ist. Was soll ein frischgebackener Brettljünger auch in Zermatt oder am Arlberg? Er kann doch die angebotenen Möglichkeiten gar nicht ausnutzen. Während er sich am Idiotenhügel plagt, schweben über ihm die Seilbahnen mit den "Könnern" den Höhen über der Baumgrenze entgegen. Vielleicht bekommt er Komplexe angesichts all derer, denen die Beherrschung ihrer Ski schon in Fleisch und Blut übergegangen ist. In jedem Fall aber muß er tiefer in die Tasche greifen als nötig; denn auch alle Nebenkosten sind in einem Renommierort beträchtlich höher. Dort befindet er sich in der Lage eines Gastes, der für ein Vier-Gänge-Menü bezahlt, aber nur Suppe und Vorspeise essen kann.

Dabei gibt es eine große Zahl von Skidörfern, die durchaus auf der Höhe der Zeit sind, sich aber dennoch ihre eigene Note, ihre Gemütlichkeit und Gastlichkeit erhalten haben. Sie bieten allen Komfort, den wir heute erwarten, Lifte, Übungshänge und kleinere Abfahrten, eine Skischule, oft auch schon ein Hallenbad – und Schnee, Sonne, Landschaft wie die Großen. Wer keine Angst davor hat, etwas vom Duft der großen Welt zu versäumen, wer sich als Skisäugling unbeschwert tummeln und dabei noch seinen Geldbeutel schonen möchte, der ist hier richtig aufgehoben.

Zum Beispiel in:

Reit im Winkl (700 m). Das ist ein stattliches, gepflegtes Dorf im bayerischen Chiemgau, ein richtiges Schneeloch mit dennoch langer Sonnenscheindauer, denn es liegt in einem weiten, lichten und nebelfreien Talkessel. Unmittelbar beim Ort gibt es einen Sessel- und mehrere Schlepplifte. Omnibusse stellen die Verbindung zur nahen Winklmoosalm (1200 m) her, wo es viele kleine Übungshänge und einen weiteren Sessellift zum Dürrnbachhorn (1700 m) gibt. Auf skimüde Gäste warten in Reit schöne Spazierwege, Rodelbahnen, ein Eislaufplatz und ein Hallenschwimmbad.

Am Fuß des Wendelsteins liegt Bayrischzell (800 m), idyllisch und geborgen. Auf dem Sudelfeld (1100–1500 m) finden Anfänger ein ideales Skigelände, und neuerdings kann man auch mit der Gondelbahn auf den Wendelstein fahren. An den Wochenenden, wenn halb München mit geschulterten Ski anrückt, wird es freilich recht lebhaft. Dann weicht man am besten in die winterlichen Wälder aus und macht einen geruhsamen Spaziergang zu den Wildfütterungsplätzen.

Mittenwald (900 m) ist zwar kein Dorf, sondern ein "Marktflecken", hat sich seinen intimen Charakter und das malerische Ortsbild aber zu bewahren gewußt, wozu vor allem die neuerbaute Umgehungsstraße beiträgt. Jetzt kann man in den gastlichen Häusern am Oberen und Unteren Markt wieder ungestört schlafen. Auf die sanften Hänge des Kranzbergs (1400 m), der durch einen Sessellift, eine kleine Kabinenbahn und mehrere Schlepplifte erschlossen ist, verirrt sich kaum noch eine Skikanone, seitdem die Karwendelbahn den Zugang zur rassigen Dammkarabfahrt so bequem gemacht hat. Im übrigen steht hier das Eisstockschießen hoch im Kurs, und an geräumten Spazierwegen ist ebenso wenig Mangel wie an abendlicher Unterhaltung.