J.Schw. Washington, im November

Das Ergebnis der Kongreß- und Gouverneurswahlen zeigt eine stark zerklüftete politische Landschaft Amerikas, in der sich im nationalen Gesamtbild die beiden Parteien, Demokraten und Republikaner, als etwa gleich stark erweisen. Richard Nixon hat zwar die Faustregel widerlegt, nach der die Partei des Präsidenten bei Wahlen in der Mitte seiner Amtszeit im Kongreß erhebliche Mandatsverluste hinzunehmen habe. Ihm ist jedoch der forcierte Anlauf auf eine Mehrheit der Republikaner im Senat mißlungen. Beide Häuser des Kongresses werden auch in den kommenden zwei Jahren wieder von einer demokratischen Mehrheit beherrscht sein. Zudem haben die Demokraten beträchtliche Gewinne in den Gouverneurswahlen erzielt, und das stärkt ihre Ausgangsposition für 1972 erheblich.

Damit ist die Strategie des Präsidenten, durch sein starkes persönliches Engagement im Wahlkampf und mit Hilfe der scharfen Attacken von Vizepräsident Spiro Agnew auf die liberalen Politiker in beiden Parteien das Blatt zugunsten der Republikaner zu wenden, trotz einiger regionaler Erfolge fast ganz fehlgeschlagen.

Bei den Demokraten haben sich die Senatoren Edmund Muskie und Edward Kennedy durch hohe Wahlsiege für das Rennen um die Präsidentschaftskandidatur deutlich in den Vordergrund geschoben, doch gelang das auch einigen ihrer Parteifreunde, wie zum Beispiel Adlai Stevenson, dem Sohn des ehemaligen Präsidentschaftskandidaten. Noch verfügen die Demokraten über keine ganz überzeugende Führungspersönlichkeit, aber ihr Rückhalt in der Wählerschaft ist ungebrochen.

Für seine Außenpolitik des "Verhandelns aus einer Position der Stärke" hat Nixon mit dem Wahlergebnis im Senat jetzt stärkere Unterstützung als zuvor, aber kein überwältigendes Placet erhalten. Nach diesem Ergebnis der Kongreßwahl heißt es daher für Richard Nixon, auch weiterhin zu balancieren. Denn seine vielberufene "schweigende Mehrheit" blieb stumm.