Nach dem sowjetischen Schriftstellerverband hat es nun auch der der DDR für nötig befunden, eine Erklärung zur Nobelpreis-Verleihung an Alexander Solschenizyn abzugeben.

Sie stand im Neuen Deutschland vom 29. Oktober, malt in bewegten Worten die "kapitalistische Barbarei" aus und kommt im drittletzten Absatz zur Sache: "In ihm (dem Klassenkampf) läßt sich vieles verwenden: Gehässigkeit und auch Naivität, die schamlose Lüge und auch die bloße Torheit, bedachte Tücke und Unbedachtheit auch, Verleumdung und Irrtum – zu ihm werden viele verwandt: große Gauner und arme Gernegroße, Schreihälse und Einsame, Rädelsführer und Irregeleitete, Journalisten von ‚Bild‘ bis ‚Zeit‘ und Literaturprofessoren, die ein seltsames Bild von der Zeit haben, Amtsrichter und Preisrichter, Leute, die den ‚Konrad-Adenauer-Preis‘ verteilen und Leute, die den Nobelpreis vergeben. Wenn wir unseren guten Willen sehr bemühen, können wir die diesjährige Entscheidung der Schwedischen Akademie einen groben Irrtum nennen; was dann immer noch bleibt, ist die Wirkung ihres Schrittes: Er hat einer weitgespannten antisowjetischen und antisozialistischen Kampagne Anschub gegeben ... Wir möchten alle, die es angeht, wissen lassen: Die Mitglieder des Deutschen Schriftstellerverbandes wissen sich in uneingeschränkter Solidarität und Freundschaft mit ihren Kollegen und Genossen des sowjetischen Verbandes..."

Der Name Alexander Solschenizyn wird in der ganzen Erklärung kein einziges Mal erwähnt.

Was diesen Schriftstellern offenbar nicht in den Kopf will, sonst hätten sie sich geschont und geschwiegen: daß nicht die Preisverleihung an Solschenizyn "antisowjetisch und antisozialistisch" wirkt. Das vielmehr haben die Zustände gründlich besorgt, die Bücher wie die von Solschenizyn nötig machen; das besorgen die Zustände, die Schriftstellerverbände auch heute noch veranlassen, von einem Kollegen auf diese Weise abzurücken. Antisozialistisch wirken sie selber, die Genossen Schriftsteller der DDR, die zum Schaden eines ihrer Kollegen, über den sich ein eigenes Urteil zu bilden ihren Lesern verboten ist, derlei Ergebenheitsadressen verfertigen.

Daß Solschenizyn kein Gauner und kein Gernegroß ist, kein Rädelsführer und kein Schreihals, daß er keine Lügen über die Sowjetunion in die Welt setzt, sondern vielmehr das tut, was sie selber zu tun versäumt haben: das wissen diese Schriftsteller in Wirklichkeit wohl nur zu gut. Nicht irgendwelche Funktionäre haben die Erklärung unterschrieben, sondern die Präsidentin des Schriftstellerverbandes der DDR, Anna Seghers, und die fünf Vizepräsidenten Jurij Brězan, Hermann Kant, Fritz Selbmann, Max Walter Schulz und Erwin Strittmatter. Wenn sich der Sozialismus der DDR eines Tages von seinen totalitären Miß wüchsen befreien und der eine oder andere von ihnen dazu beitragen sollte, wird er hoffentlich nicht so im Stich gelassen werden, wie er heute Solschenizyn im Stich läßt.

Dieter E. Zimmer