K.-H. W., London, im November

Die neue britische Regierung versucht, eine Außenpolitik weltweiter Mitsprache zu betreiben. Verbindungen, die unter Labour aufgegeben wurden, sollen erneuert werden. Waffen für Südafrika, Verteidigung des Indischen Ozeans, militärische Zusammenarbeit mit den südostasiatischen Commonwealth-Staaten, bessere Beziehungen zur Sowjetunion, Vorschläge für eine Nahost-Friedensregelung, ein weiterer Versuch einer Rhodesien-Lösung – das alles läßt nur einen Schluß zu: Großbritannien will sich nicht zurückziehen.

Diese Politik der Tories erfordert erhöhte Militärausgaben. Aber das Verteidigungsweißbuch sieht für die nächsten drei Jahre weniger Geld vor. Der Ansatz für 1974/75 liegt um 27 Millionen Pfund unter dem für 1971/72 und um 132 Millionen Pfund unter der Summe, welche die Labour-Regierung provisorisch für die Mitte des Jahrzehnts eingeplant hatte. Es läuft also auf eine Mitsprache zu ermäßigten Kosten hinaus, vor allem, wenn man die steigende Kurve und den Lohndruck einer Freiwilligenarmee in Rechnung setzt. Die Armee hätte von den Tories mehr erhofft.

Die politischen Grundsätze des Weißbuchs dagegen vermochten nicht zu überraschen. Das Dokument war ja nur vorgelegt worden, um den Rückzug östlich von Suez offiziell zu bremsen. Aber der britische Beitrag zur künftigen Streitmacht in Südostasien wird bescheiden sein: fünf Fregatten und ein Bataillon, ferner Hubschrauber, Langstreckenaufklärer und – eventuell – ein Unterseeboot. Als imposanten Gegenaufmarsch zur vielbeschworenen sowjetischen Aktivität Zwischen Suez und Singapur, mit der Sir Alec Douglas Home die Waffenlieferungen an Südafrika motiviert, wird man das kaum bezeichnen können.

Vielmehr läßt sich aus diesem Weißbuch ablesen, daß auch die Tories im Grunde den militärischen Wettlauf aufgegeben haben. Zuviel ist von "Verteidigungsmaßnahmen" die Rede, die zwar als sentimentale Geste an die Streitkräfte und deren zivile Bewunderer einen Zweck erfüllen mögen, darüber hinaus aber nutzlos sind. Daß der Flugzeugträger Ark Royal noch weitere Jahre die Meere befahren (oder in der Reparaturwerft liegen) soll, erhöht die Schlagkraft der königlichen Marine kaum. Daß einige populäre Traditionsregimenter nicht – wie von Labour angekündigt – vollkommen aufgelöst, sondern als kleinere Einheiten beibehalten werden, wird die Touristen mehr interessieren, als die Nato-Führung.

Der neue Verteidigungsminister Lord Carrington braucht sich jedoch wenig Sorgen zu machen, daß ihn das Parlament auf solche Widersprüche zwischen Soll und Haben aufmerksam macht. Dem Unterhaus gehört er nicht an, und im Oberhaus sind die Tories von jeher in der erdrückenden Mehrheit.