Von Wolfram Siebeck

In dieser Woche findet in Bayerns Hauptstadt die 15. deutsche Antiquitätenmesse statt, ein traditioneller Treffpunkt für Kenner und Liebhaber alter Sachen. Die Veranstalter rechnen mit einem Rekordumsatz – nicht zuletzt wegen der zunehmenden Sammlertätigkeit weiter Bevölkerungskreise. Hatte doch erst kürzlich einer der prominentesten Sammler, der Münchener Franz Josef Strauß, zu einer großen Sammlungsbewegung aufgerufen.

Gleich am ersten Messetag. ist der Andrang groß. Mit anderen Sammlern bewege ich mich an den Ständen entlang, und wie es der Zufall will, bewegt sich nur wenige Schritte vor mir F. J. Strauß, der Sammlungsbeweger aus München. Prüfend schreitet er von Koje zu Koje, betrachtet mit leicht gerötetem Kennerblick die ausgestellten Stücke und Stücklen, interessiert sich für ein poliertes Figürchen aus Barzelan (restauriert), untersucht kritisch einen hölzernen Kiesinger (Württ., 18. Jh., Goldlack mit Intarsien) auf seine Echtheit und verharrt nachdenklich vor einem bayerischen Maßkrug (leer).

Am Stand eines Düsseldorfer Händlers entdeckt er einen tönernen Zoglmann, eine relativ kleine Figur, typische Schiracher Schule aus der braunen Epoche, daher nicht selten. Aber dieser Zoglmann ist gut erhalten und NLA signiert. Das Interesse des Sammlers erwacht. Als er hört, daß ein Satz alter Parteigenossen aus der gleichen Epoche dazugehört, nickt er dem Verkäufer zu. Franz Josef kauft’s, heißt diese allen Händlern bekannte Bewegung des Sammlers.

Und gleich am nächsten Stand fesselt wieder etwas seine Aufmerksamkeit: ein "Mende mit dem Ritterkreuz" aus der späten IOS-Zeit. Stark lädiert, mit einem Wortbruch und Bruchstellen an beiden Seiten, so, als wäre er öfter umgefallen. Die Reputation ist mehrfach geleimt, und am Renommee ist der Lack ab. Insgesamt also kein besonders schönes Stück, aber ziemlich einmalig. Und F. J. S. greift zu. Der Mende gehört ihm! Doch eilig, als wolle er bei dieser Erwerbung nicht gesehen werden, eilt Strauß weiter und kauft, scheinbar wahllos, noch ein paar alte Parteigenossen (1933, gußeisern; leichter Rostansatz), einen hübsch bemalten, aufziehbaren böhmischen Funktionär, und dann findet er noch einen abgesplitterten Starke ohne die dazugehörige FDP. Alles Ladenhüter und minderwertiger Schund, denke ich zunächst erstaunt, aber dann begreife ich plötzlich, nach welchem System er kauft. Mögen auch die Einzelstücke nicht besonders wertvoll sein, so sind sie zusammen doch schon wieder eine kleine komplette Sammlung! Eine schöne Sammlung, denke ich bewundernd und sehe ihm nach, wie er mit der für ihn typischenSammlungsbewegung in einem Porzellanladen verschwindet.

Man hört es noch lange klirren.