Von Christa Rotzoll

In ihrem Erinnerungsbuch schreibt sie: "So schwebte ich, flirtend und flirrend, libellenhaft immer wieder entschwebend, als ‚Elbische‘, wie der Bremer Dichter und Rowohlt-Lektor Friedo Lampe mich apostrophierte, ungebunden und frei über der verräucherten Luft des Lokals." So elbisch flirrt es bei –

Oda Schaefer: "Auch wenn Du träumst, gehen die Uhren Lebenserinnerungen; R. Piper & Co. Verlag, München; 344 S., 25,– DM.

Wer schreibt, wer das eigene Leben beschreibt, ist vermutlich auch eitel. Das muß nichts verderben – die Eitelkeit, diese gesellige Tugend, wird nur in manchen Fällen zum Laster. Doch Oda Schaefer, die Feuilletonistin und Lyrikerin – Schaefer-Ast, der Zeichner, war ihr erster Mann – hätte, als sie sich der eigenen Geschichte annahm, besser ab und zu probiert, ob sich Selbstbewunderung und Selbstverliebtheit nicht beschneiden lassen.

Die junge Oda, Jahrgang 1900, ist, vom äußeren Zauber abgesehen, durch Phantasiebegabung und Empfindlichkeiten kostbar. Wobei, was für die meisten Memoiren gilt, die Kindheit – Pferdekutschen, Kürassiere, gütige Dienerschaft, erlesene Süßigkeiten – noch am ehesten Farbe und Kontur gewinnt.

Die Dreißigerin und Vierzigerin Oda Schaefer zeichnet sich als sittliche Person, besonders auf politischem Gebiet, aus: "Kühnheit und der Anschein von Sicherheit waren es, die uns beide das verhaßte Regime überstehen ließen ..." So mutig Oda Schaefer und ihr zweiter Mann, Horst Lange, der Romanverfasser, sich betragen haben mögen, so geschickt und würdevoll sie sicher manchen subalternen Nazi eingeschüchtert haben – wer das Dritte Reich als Autor überstanden hat, auf Honorare angewiesen und vielleicht auch noch auf Ruhm erpicht, der dürfte nicht nur fremde Schandtaten und eigene Heldenauftritte behalten haben. Keine der Gefährdungen, der Mutproben und Hilfeleistungen, die Oda Schaefer aufzählt, sei hier angezweifelt, nicht die herausfordernd winzige Hakenkreuzfahne der Langes und nicht das für Auschwitz geopferte Bettzeug. Das wird alles stimmen, und es kann doch nicht alles sein.

Einige enge Freunde – wie Günter Eich, Peter Huchel, Elisabeth Langgässer – sind auf dem Gruppenbildnis erkennbar untergekommen. Andere Trink- und Berufskameraden, Berühmte und Unberühmte, auch Namen der zwanziger Jahre, sollen nur Zeitstimmung verbreiten oder Verdienste und Eigenheiten des Paars Lange-Schaefer hervorheben. Greifbare Fehler – Ohser, der Zeichner Plauen, ist erst 1944 denunziert worden und umgekommen, nicht schon 1943 – machen die Niederschrift zur nicht ungefährlichen Quelle.

Insgesamt kein leichtes Leben – Krankheiten, Entbehrungen, Verluste werden ausgemalt oder nur angedeutet. Das Selbstporträt, das die Erinnerungen liefern, ist zugleich das Idealbild einer Dame: Haltung, Hilfsbereitschaft, Zartsinn und Geheimnis. Wer den Damen nachtrauert, den hochfeinen Produkten von Gesellschaft und Geschlecht, kann Oda Schaefer lesen.