Die Deutsche Kunst- und Antiquitätenmesse, die heuer zum 15. Male den Mitteltrakt des Münchener Hauses der Kunst bis auf den letzten Quadratmeter füllt, ist eine unangefochten institutionalisierte Leistungsschau des Handels mit sicheren, durch Zertifikate abgestützten Werten. Auf den ersten Blick mag es so erscheinen, als ob die Veranstaltung ausschließlich dem Zweck diente, Interessenten und Käufern an Hand eines breitgefächerten Angebots Preis- und Qualitätsvergleiche zu ermöglichen. Unausgesprochen darüber unterhält man sich nicht gern – steht hinter der alljährlichen Kräftekonzentration jedoch die Anstrengung, sich im Zweifrontenkampf gegen den "progressiven" Kunsthandel und die "unstandesgemäßen" Tandler zu behaupten.

Bei dieser Demonstration vertrauenseinflößender Seriosität (eine Lieblingsvokabel der Aussteller) scheint der Charakter der Ware auf die Verkaufssitten abzufärben. Hier werden keine Tagesnovitäten marktschreierisch angepriesen, sondern ewige Werte verschämt auf silbernem Tablett offeriert. Wüßte man nicht, daß Hinweise auf Schönheit, Seltenheit oder Provenienz eines Gegenstandes die elegant formulierte Alibifunktion für den geforderten Preis darstellen, käme man kaum auf den Gedanken, daß sich auch in diesen heiligen Hallen des Kunsthandels alles ums handfeste Geschäft dreht. Die Tatsache, daß man vom letztlich kaum taxierbaren künstlerischen Mehrwert der verkauften Ware lebt, bereitet Unbehagen: Man betrachtet sich als Mittler und Anwalt des Schönen, ist sich aber völlig im klaren darüber, daß allein der Umsatz zählt (über den sich die Beteiligten konstant ausschweigen).

Nach dem äußeren Eindruck zu schließen, fühlen sich die Aussteller dabei durchaus wohl. Das gesellschaftskritische Verdikt, Handlanger der ästhetischen Ersatzbedürfnisse des Establishments zu sein, hat ihr Selbstverständnis nicht verunsichert. Was nichts daran ändert, daß ein Messerundgang den Schluß nahelegt, ein Unternehmen vor sich zu haben, welches sich nur durch die Qualität des Angebotenen und die Art des Präsentation vom Flohmarkt auf der Auer Dult unterscheidet.

Das Angebot hat seine Grenzen an der Aufnahmefähigkeit des inländischen Marktes und dem Umstand, daß erstklassige Ware heute mehr auf (ausländischen) Auktionen als im einheimischen Kunsthandel zu finden ist. Wirkliche Spitzenwerke, wie der außergewöhnlich fein skulptierte – und sehr gut erhaltene – Kopf des "Ketzerköngis" Echnaton aus Amarna (sein Preis beläuft sich, so die Auskunft, auf mindestens eine halbe Million – bei Preisen in dieser Höhenlage hält man sich flexibel und konzessionsbereit), sind seltene Ausnahmen; bei Gemälden dürfte die obere Preisklasse bei etwas über einhunderttausend Mark liegen – dafür kann man heute nur noch gute Durchschnittsware erwarten.

Verzichtet man auf den internationalen Vergleichsmaßstab und nimmt das messeinterne Qualitätsgefälle als Bewertungsgrundlage, verändert sich das Bild positiv. Das Angebot an spätgotischer und barocker Plastik, Möbeln des 18. Jahrhunderts und anderem Kunsthandwerk – vom gotischen Weihrauchfaß bis zu den beliebten, weil dekorativen, barocken Humpen – ist quantitativ und qualitativ höchst respektabel (wie man hörte, hat sich der französische Kunsthandel bereits am ersten Tag mit barockem Silber preiswert eingedeckt). Etwas befremdlicher mutet einen der massierte Aufmarsch von pausbäckigen Mönchen, trinkfesten Jägern und röhrenden Hirschen an, all diesen Beispielen einer Trivialkunst, die, von den Urgroßvätern ihrer Behäbigkeit wegen geschätzt, den Urenkeln heute anscheinend immer noch gefällt. Die andauernde Hochkonjunktur für Grützner & Co. beweist, daß es eine vom Urteil der Kunstgeschichte unabhängige Wertskala, gibt, die sich am marktgängigen Geschmack orientiert. Derlei Kuriositäten, die eine unübersehbare Messe-Realität darteilen, sind vielleicht für die Erörterung betimmter Kunstmarkttrends von Interesse. Hier enügt die Feststellung, daß sie den Punkt bezeichnen, an dem das Münchener Unternehmen ins Provinzielle absackt.

Bis zum Ende der Messe am 9. November hoffen die Veranstalter, den 500 000. Besucher berüßen zu können (zum Zeichen der Kontinuität wird das zahlende Publikum von Jahr zu Jahr ddiert, wenigstens eine verläßliche Zahlenanabe): Er wird einen Gutschein über tausend Mark geschenkt bekommen, mit dem er allerdings nicht viel wird kaufen können – es sei denn, er schaut sich den Stand "Für den jungen Sammler" sehr genau an.

Diese "Aktion" (billiger geht’s heute nicht mehr!) ist die diesjährige Messenovität. Der Einfall war so übel nicht: Der "junge" – das bezieht sich sowohl auf das Alter als auch auf die Sammeltätigkeit – Käufer findet hier eine interessante Auswahl von wenig teuren Objekten (oberes Limit: 500 Mark), die mit kurzen Angaben und offen deklarierten Preisen versehen sind – ein Privileg, das der Interessent ansonsten nicht genießt, denn Geheimniskrämerei scheint fachtypisch zu sein. Die Sache hat aber leider einen Haken: bereits am Eröffnungsabend wurde der Stand abgegrast (nicht ohne Beteiligung von Leuten, die weder im einen noch im anderen Sinn als "jung" anzusprechen waren), was dann am Tag darauf nachgeliefert worden war, sah teilweise penetrant nach sonst unverkäuflicher Ware aus. Als Aktion "Ladenhüter" war die Sache ja wohl nicht gedacht. Helmut Schneider