Das erste Geschichtsbuch, mit dem man es in höheren Schulen zu tun kriegt, handelt, wie es sich gehört, von den alten Griechen und Römern und ist entsprechend illustriert. Niemand vergißt deshalb zeitlebens den Diskuswerfer, die kaputte Venus von Milo, den Dornauszieher oder die aufgeregte Laokoongruppe. Der Mutter einer Mitschülerin waren diese Darstellungen zu frei, und sie überdeckte die nach ihrer Meinung unzüchtigen Stellen mit angelecktem Tintenstift. Das Lagerhausverwalterstöchterchen besaß damit eine ausgesprochene Rarität: ein Buch mit antiken Skulpturen, die violette Hosen und Bolerojäckchen trugen. Das brave Mädchen hatte deswegen ein Schuljahr lang unsere Hänseleien zu ertragen, und es hätte sie wahrscheinlich auch nicht getröstet, daß das, was ihre Mutter da im kleinen, ein Papst bereits einmal im großen betrieben hatte.

Vielleicht hatte auch Dan Greenburg so eine Mutter, die er freilich samt jenem Papst zu wahren Stümpern degradiert hat.

Sein Anliegen ist das gleiche. Und er nennt die Sache beim Namen, alle Nackten in der Kunst – sind schlicht und einfach "Porno-Graphics" – und so nennt er auch sein Buch, das ein Spiel ist, selbst wenn es ohne Regeln zu spielen ist. In einem Vorwort fragt er, inwiefern ein Gemälde einer nackten Person auf einem Sofa größere Kunst sei als das eines schicklich gekleideten Kindes auf einem Pony, und er verspricht den Beweis zu liefern, daß eine nackte Person nicht nur nicht im geringsten künstlerischer ist als die gleiche Person in bekleidetem Zustand, sondern zudem auch noch unanstößig, also sittlich folgenlos und unbedenklich.

Damit jederzeit die Probe aufs Exempel gemacht werden kann, reproduziert der Autor das ausgezogene Original, überdeckt es aber mit einer hauchdünnen Klarsichtfolie, die das seiner Meinung nach Notwendige dem Werke hinzufügt, auf daß es von jeglichem Gemüte ohne Schaden konsumiert werden kann. So trägt beispielsweise jene schon immer etwas unmotiviert nackicht unter lauter Bekleideten sitzende Dame in Edouard Manet’s "Frühstück im Freien" ein duftiges hellblaues Kleid; "Die Quelle" von Ingres steht bis zum Hals im Wasser, vor der kritischen Stelle schwimmen etliche gemütliche Karpfen; und Botticelli hätte in der Tat nur etliche der herrlichen Haarsträhnen seiner neugeborenen "Venus" mehr zu malen brauchen, um, wie Greenburg es zeigt, ohne künstlerischen Substanzverlust ein von keiner Seite her anfechtbares Kunstwerk zu schaffen.

Dabei ist dieser Ausforscher von unangebrachter Nacktheit durchaus tolerant. Er beläßt es nicht nur bei einer Verhüllungsmöglichkeit, sondern schlägt deren mehrere vor, bis zu drei Folien kann der Interessent lüpfen, um sich für den ihm adäquaten Grad der Angezogenheit zu entscheiden, so bei Seurat’s Detail aus "Les poseuses" eine Auswahl bietet, die vom adretten roten Kleidchen über ein dezentes Unterglöckchen bis zum BH mit Strumpfgürtel reicht.

Dieses gerade in der heutigen, von Sexwellen so sehr umspülten Zeit so verdienstvolle Unterfangen ist jedoch auf das äußerste gefährdet, wenn es in die falschen Hände gerät, in jene, die Greenburgs Absicht direkt ins Gegenteil verkehren, indem sie die Folien-Vorschläge zu einem Spiel, einem Striptease-Spiel zweckentfremden. Der Titel übrigens übertreibt, es ist kein Spiel mit Porno, wie er gemeinhin verstanden wird; die Hauptrolle spielt Komik.

Eugen Oker