Von Joachim Schwelien

Washington, im November

Ohne großes Aufheben, ohne die sonst gewohnten öffentlichen Segenswünsche des Präsidenten ist die US-Abordnung zu den amerikanisch-sowjetischen Verhandlungen über eine Begrenzung der strategischen Rüstung (SALT oder Strategie Arms Limitation.Talks) nach Helsinki geflogen.

In der finnischen Hauptstadt hatten vor einem Jahr jene Beratungen begonnen, die zu einem oder auch mehreren Verträgen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion über eine Limitierung ihres Nukleararsenals führen sollen. Im Sommer wurden sie in Wien fortgesetzt, wo die Amerikaner schließlich einen ersten Vertragsentwurf vorlegten. Dazu wird jetzt eine Stellungnahme oder eventuell ein Gegenentwurf Moskaus erwartet. Nahmen die Dinge den erhofften Verlauf, könnten die beiden Großmächte im nächsten Frühjahr – dann wieder in Wien – ein Abkommen schließen.

Amerikaner und Russen stehen im Sog zweier Strömungen, die sie in die gleiche Richtung treiben. Da ist einmal die Notwendigkeit, den von den meisten großen Industrienationen noch immer nicht ratifizierten Nonproliferationsvertrag durch einen wenigstens bescheidenen eigenen Beitrag zur nominellen Atomrüstungs-Begrenzung schmackhaft und glaubwürdig zu erhalten. Zum anderen stehen die beiden Atomhauptmächte vor der Frage, ob sie mit einem Abkommen viel Geld sparen und die Ungewißheiten des gegenseitigen Kräfteverhältnisses verringern oder ob sie ohne Abkommen einem neuen Wettrüsten entgegentreiben wollen. Diesem gemeinsamen Interesse steht freilich entgegen, daß sie auch in einem Vertrag individuelle Vorteile gesichert sehen wollen: Die Sowjetunion möchte den Kräfte-Gleichstand mit den Amerikanern verbrieft haben, Amerika will seinen Vorsprung in der Rüstungstechnik nicht verkaufen.

Daher sind die Erwartungen Washingtons für diese dritte SALT-Runde auch noch nicht auf ein volles, rundes Endergebnis, sondern lediglich auf die abschließende Vorbereitung eines einleitenden Teilergebnisses gerichtet. Es könnte, nach dem gegenwärtigen Verhandlungsstand, in einem Vertrag bestehen, mit dem beide Nationen die Zahl ihrer Trägersysteme für strategische Atomwaffen (Bomber, Landraketen, Unterseeboote mit Atomraketen und Flugkörper mit einer Teilumlaufbahn) bei je ungefähr 1900 Stück begrenzen und auf Abwehr-Raketensysteme (ABM) entweder ganz verzichten oder sie nur um die nationalen Kommandozentren – sprich: die Hauptstädte Washington und Moskau – errichten. Keine Abrüstung also – nur eine Stückzahl-Begrenzung, die eine Vervielfachung des Atomarsenals der beiden Großmächte vorerst keineswegs ausschließt, da bisher nicht vorgesehen ist, die Mehrfach-Atomsprengköpfe (MIRV’s) in den ersten Vertrag einzubeziehen.

Die amerikanische Regierung hat in der psychologischen Vorbereitung der neuen SALT-Runde – ähnlich wie die Sowjetunion mit ihrer manchmal beschleunigten, dann wieder abgebremsten Aufstellung von überschweren Langstreckenraketen des Typs SS-9 – bald mit Verheißungen, bald mit Drohungen gearbeitet. Von den vier Bereichen, die Präsident Nixon vor den Vereinten Nationen als Grundlage einer sowjetisch-amerikanischen Zusammenarbeit nannte, waren zwei aus dem nuklearen Feld. Beide Nationen, so versicherte er, hätten "ein machtvolles gemeinsames Interesse am Vermeiden einer nuklearen Konfrontation". Ebenso kennten beide die "enormen Kosten" dieser Rüstungen, und beide sollten daher die Gelegenheit nutzen, diese Bürde zu verringern. Doch fast im gleichen Atemzug mit Nixon verwies wiederum Verteidigungsminister Melvin Laird darauf, daß das jetzige Tempo der sowjetischen Atomrüstung Washington in spätestens drei Jahren dazu zwingen werde, ebenfalls zu "gewaltigen" neuen Nuklearrüstungen überzugehen – wenn die andere Seite nicht abbremse.