Von Alexander Rost

Die "Times" griff tief in die Seekiste britischer Historie und wetterte in ihrem Leitartikel: "Vizeadmiral Ciliax hatte Erfolg, wo der Herzog von Medina-Sidonia scheiterte. Nichts seit dem 17. Jahrhundert hat den Stolz unserer Seestreitkräfte stärker verletzt..." Der Herzog von Medina-Sidonia war Befehlshaber der spanischen Armada, die 1588, Finis Hispaniae, von den Engländern zerschlagen wurde; und im 17. Jahrhundert hatte es einige englische Niederlagen in Seeschlachten gegen die Holländer gegeben. Seither jedoch war "Englisch Channel" nicht bloß ein Name auf der Seekarte; der geographische war auch Eigentumsbegriff.

Die Schwelle vor der britischen Tür war diese Meerenge, säuberlich gefegt von der "Royal Navy", urbritischer Machtbereich immer noch, als dann der deutsche Vizeadmiral Ciliax mit seinem Geschwader aufkreuzte. Er trampelte auf der Schwelle herum, und kein Butler warf ihn hinunter. "In jeder Wohnung, in jedem Club, in jedem Gasthaus, im ganzen Land", so berichtete die "Daily Mail", habe man darüber debattiert, warum eine feindliche Schlachtflotte den Englischen Kanal durchfahren konnte, ohne das Schicksal der Armada zu erleiden. Großbritannien, an seiner Größe zweifelnd, war schockiert.

Daß Winston Churchill den Schock mit einer Beschwichtigungstherapie kurierte, war kein Fehler. Für den Verlauf des Zweiten Weltkriegs blieb das Ereignis nur Episode. Doch hartnäckig, wie Briten sein können, zumal wenn ihr Stolz getroffen ist, und mißtrauisch gegenüber offiziellen Verlautbarungen und der Rechtfertigungsgeschichte, die von Admirälen verfaßt wird – jedenfalls auf der Suche, nach der Wahrheit oder immerhin nach der Wirklichkeit im Detail hat einer von ihnen, mehr als ein Vierteljahrhundert danach, den Fall noch einmal aufgerollt und abgespult wie einen Film:

John Deane Potter: "Durchbruch", Paul Zsolnay Verlag, Wien und Frankfurt 1970; Originaltitel: "Fiasco"; deutsch von Thomas M. Höpfner; 283 S., 24,– DM.

Beschrieben wird ein Paradestück deutscher Seekriegsführung, der "Kanaldurchbruch", wie es im Propaganda-Jargon genannt wurde. Die Geschichte wird aus britischer Sicht erzählt; und weil und wie die Briten es nicht verhindern konnten, daß am 12. Februar 1942 die Schlachtschiffe "Scharnhorst" und "Gneisenau" und der Schwere Kreuzer "Prinz Eugen" vor ihren Augen durch ihren Kanal dampften, deshalb hat John Deane Potter diesen ersten ausführlichen Bericht über ein vielzitiertes, vorher aber nie genau analysiertes Seekriegsereignis eben "Fiasko" betitelt. Man hätte den Titel auch für die deutsche Ausgabe des Buches beibehalten können. Was damals in Deutschland wie eine gewonnene Schlacht, wie eine Rache für den Untergang der "Bismarck" gefeiert wurde, war in der Tat ein Rückzug.

Anders als im Ersten Weltkrieg wollte die Kriegsmarine die ozeanische Kriegsführung nicht allein den U-Booten und den zu Hilfskreuzern umfrisierten Frachtern überlassen. So entsandte sie unter anderem die Schlachtschiffe "Scharnhorst" und "Gneisenau" von Norwegen aus in den Atlantik. Von Tankern versorgt, machten sie zwei Monate lang die Geleitzugsrouten unsicher. Die Beute fiel freilich mager aus: 22 Schiffe mit insgesamt rund 116 000 Bruttoregistertonnen wurden versenkt.