Von Hansjakob Stehle

Warschau, im November

Noch brannten die Allerseelen-Kerzen an den Denkmälern der Erschossenen auf Warschaus Straßen, als am Montag zum erstenmal ein Außenminister der Bundesrepublik auf dem Flugplatz der polnischen Hauptstadt landete: Walter Scheel, wohlgemut mit einem Scherz über den Ostwind und einer Floskel über den "historischen Augenblick" auf den Lippen. Die eher steife, würdevolle Freundlichkeit, mit der ihn sein polnischer Kollege Stefan Jedrychowski empfing, wirkte noch am nächsten Morgen nach. Als Scheel im Außenministerium (dem einstigen Gestapo-Sitz in der Szuch-Allee) mit rheinischem Charme das Warschauer Klima pries.

Doch das erste Bild trog wie so mancher andere Eindruck, den beide Verhandlungspartner in dieser ersten Woche ihres Schlußdialogs vermittelten. Scheel war mit der ernsten Absicht nach Warschau gekommen, das Ergebnis der sechs deutsch-polnischen Vorverhandlungsrunden in den Klartext eines Vertrags zu gießen. Die Bundesregierung hatte ihm die Parole mit auf den Weg gegeben: "Wer den Ausgleich und die Versöhnung will, muß sich mit den Voraussetzungen abfinden, unter denen sie erreicht werden können."

Während sich die aus Bonn herbeigeeilten Presseleute noch den Kopf zerbrachen, wie groß oder wie klein die Schwierigkeiten sein mochten und wieviel wohl in den knapp drei Tagen bis zur Europadebatte des Bundestages und zum Bundespresseball verhandelt werden könnte, hatte sich der Minister seinen Auftritt bei diesen beiden Anlässen schon aus dem Kopf geschlagen. Er war entschlossen, auch das Wochenende in Polen zu verbringen und selbst einem Verhandlungstag im Salonwagen auf der Fahrt nach Auschwitz nicht auszuweichen.

Worüber aber konnte oder mußte noch verhandelt werden? Auf polnischer Seite schien man darüber keine rechte Klarheit zu besitzen. Auch Ferdinand Duckwitz, der den Vertrag in fast neun Monaten geburtsreif machen half und murrend mancherlei Bonner Zweckpessimismus hatte über sich ergehen lassen, war sich wohl mit seinem polnischen Partner Winiewicz darüber einig, daß die Hauptarbeit schon getan sei. "Ob ich hoffe?" lächelte Winiewicz. "Die Hoffnung ist die Mutter der Naiven. Ich bin Realist und bin überzeugt."

Und dennoch – als sich die beiden Verhandlungsdelegationen unter dem himmelblauen Plafond des Przezdziecki-Schlößchens an den Tisch setzten und ihre Akten öffneten, war noch einmal die Last von über drei Jahrzehnten zu spüren. Es war mehr Verlegenheit als Gelassenheit, wenn man sich über diesen Tisch Zigarren reichte und später beim Abendessen die Gläser auf eine Zukunft hob, die noch unter der Vergangenheit ächzt.