Bannstrahl gegen die Abweichler vom Dogma

Schon Freud stellte resigniert fest, „daß es bei Psychoanalytikern ebenso gehen kann wie bei den Kranken in der Analyse“, daß der Besitz des analytischen Wissens niemanden davor bewahrt, „unter der Herrschaft des nächsten Widerstandes alles Erlernte in den Wind zu schlagen“. Natürlich – Freud meinte seinen Gegner Alfred Adler. Die Querelen unter Psychoanalytikern sind so alt wie diese Wissenschaft selbst. Immer haftete ihnen das für den Außenstehenden nicht ganz begreifliche Bemühen um die Reinheit der wahren Lehre an, sollte es doch gerade kennzeichnendes Kriterium einer Wissenschaft sein, die sie betreffenden Probleme in rückhaltlos offener Diskussion auszutragen. Vielleicht liegt es am extrem ausgebildeten Ich-ideal persönlicher Autonomie der Analytiker, daß im Laufe der Jahre viele bedeutende Schüler Freuds als Dissidenten der wahren Lehre endeten: Jung, Stekel, Rank, Ferneczi und der neuerdings wohl bekannteste, Wilhelm Reich.

Scharfsinnig hieß es noch im redaktionellen Vorspann des Juliheftes der von Alexander Mitscherlich herausgegebenen „Psyche – Zeitschrift für Psychoanalyse“: Das bürgerliche Ich-ideal persönlicher Autonomie und Spontaneität ist heute kaum noch realisierbar. Letzte Möglichkeit individueller Freiheit bleibt „nur im Widerstand gegen soziale Verhältnisse, die in den Individuen das Gefühl der Ohnmacht hervorrufen und sie zur regressiven Massenbildung verleiten“. In diesem Heft, das unter dem Titel „Psychoanalyse und Gesellschaft“ erschien, wird Widerstand zu Recht gefordert, doch – welcher Abwehrmechanismus da immer funktioniert haben mag – auf Widerstand in der Gesellschaft der Psychoanalytiker reagierten die Volksaufklärer über Dogmatismus und Irrationalität aus dem Sigmund-Freud-Institut – Redaktion und Herausgeber der „Psyche“ –, wie man es ihrem Selbstverständnis gemäß am wenigsten erwartet hätte: dogmatisch und irrational, Sie verhängten Anzeigenboykott gegen einen Kontrahenten, was nach Meinung des Klett-Verlags, in dem die „Psyche“ erscheint, „wohl auf wissenschaftliche Meinungsverschiedenheiten zurückzuführen ist“. Der Berliner Lehranalytiker Dr. Günter Ammon, Begründer der Psychotherapeutischen Beratungsstelle für Studierende an der FU, darf in Mitscherlichs Fachblatt für die von ihm herausgegebene Zeitschrift „Dynamische Psychiatrie“ keine bezahlte Werbung mehr treiben.

Eine Art Selbstzensur

Was auf Grund der Verketzerung und Diffamierung von außen zu Beginn der Psychoanalyse noch verständlich war, ein Abkommen unter den Anhängern Freuds, alle Veröffentlichungen zuvor im eigenen Kreis zu diskutieren, um Schaden von der Bewegung abzuhalten, eine Art freiwilliger Selbstzensur also, das scheint inzwischen zur schlechten Tradition geworden zu sein, um die „Individualität in politische Verwaltung zu nehmen“ – wie es in der „Psyche“ heißt.

Ammons Einwände gegen die orthodoxe Psychoanalyse und insbesondere gegen die Schule Mitscherlichs basieren sämtlich auf dem Konzept einer Verbindung psychoanalytischen Wissens mit grundsätzlich gesellschaftskritischem Engagement. Nun sind auch Mitscherlichs Bemühungen in dieser Richtung bekannt, doch eben Ammons Kritik enthüllt da einige Schwächen – nicht nur die, daß man auf nicht genehmen Widerstand konkret ebenso antwortet, wie man es abstrakt auf die Gesellschaft bezogen immer verurteilt. Ist es vertretbar, so fragt Ammon, wenn Mitscherlich ausgerechnet anläßlich der Verleihung eines Friedenspreises „zur Analyse gesellschaftlicher Konflikte die Todestriebspekulation aus dem Fundus psychoanalytischer Irrtümer hervorkramt?“, jene These also, die so gut ins Konzept der Herrschenden paßt und auf die Praxis bezogen heißt, den böse geborenen Menschen gelte es zu zähmen. Auch das zentrale Anliegen der orthodoxen Psychoanalyse, den Ödipuskomplex, möchte Ammon durch einen Zusatz erheblich relativiert wissen. Schließlich war es König Laios – dessen Gattin Iokaste nichts dagegen einzuwenden hatte –, der nach dem Mythos befahl, den neugeborenen Sohn Ödipus mit durchstochenen Füßen an einem Baum aufzuhängen, um ihn dort sterben zu lassen. Herrschende und Unterdrückte vorausgesetzt, kann man sinnbildlich von einem Laios-Komplex der Gesellschaft sprechen: Die Aufrechterhaltung bestehender Herrschaftsstrukturen erscheint als moralisch vertretbar, Auflehnung dagegen wird zum individuellen Komplex umgedeutet.

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