Von Heinz Abosch

Seit eh und je haben sich die sozialistischen Bewegungen in Deutschland und Frankreich voneinander unterschieden. Die führende Kraft der französischen Linken ist die Kommunistische Partei, sie bekennt sich zu Karl Marx. In der Bundesrepublik dominiert die Sozialdemokratie, während die kleine Deutsche Kommunistische Partei alle Mühe hat, ihre Existenz zu beweisen. Offensichtlich ist der Einfluß der Ideen Marxens jenseits des Rheins beträchtlich größer als in seinem Heimatlande.

Doch ist lange Zeit das Verhältnis gerade umgekehrt gewesen. War die deutsche Arbeiterbewegung früh marxistisch geprägt, so zeigte sich die französische äußerst widerspenstig. Die verschiedenen sozialistischen Schulen bewiesen Lebenskraft und trotzten dem von außen kommenden "wissenschaftlichen Marxismus". Noch in der Pariser Kommune war Marxens Einfluß gering, dort herrschten Anhänger Proudhons und Blanquis.

Erst nach der Niederlage der Kommune konnte sich der Marxismus allmählich ausbreiten; er hatte es jedoch noch lange schwer und mußte mit Rivalen rechnen. Die Gewerkschaften zeigten sich resistent, auch in der Sozialistischen Partei überwogen nichtmarxistische Richtungen. Insgesamt war das Bild viel weniger einheitlich als in Deutschland, da es viele Gruppen gab, die sich ständig befehdeten. Später, als die Kommunisten vordrangen, änderte sich dieses Bild, indes macht sich heute wieder Pluralität bemerkbar. Das Buch von

Henri Dubief: "Le syndicalisme revolutionaire"; Armand Colin, Paris 1969; Collection U, 315 S.,

erläutert einen wichtigen Abschnitt der französischen Arbeiterbewegung: den revolutionären Syndikalismus, der bis 1914 eine bedeutsame Kraft darstellte und dessen Zeichen plötzlich im stürmischen Mai 1968 wieder auftauchten. In der Mitte des letzten Jahrhunderts griffen in Frankreich anarchistische Ideen um sich. Bakunin und Kropotkin fanden dort später viele Anhänger. Um die Jahrhundertwende entstand in Paris eine weitverzweigte anarchistische Bohème, zu der renommierte Literaten und Künstler gehörten. Unter diesen Einfluß geriet auch Léon Blum, der spätere Chef der Sozialisten. Neben den edelmütigen Anarchisten des Wortes existierte eine rauhere Sorte von Propagandisten der Tat, die nicht zögerten, Bomben zu werfen und "die Exproprieure zu expropriieren".

Es gab noch eine dritte Gruppe, die den anarchistischen Gedanken mit der Gewerkschaftsbewegung zu verbinden suchte und den "revolutionären Syndikalismus" begründete. Mit Pelloutier, Griffuelhes und Merrheim gelangte er an die Spitze des 1895 geschaffenen Gewerkschaftsbundes CGT. Eine Zeitlang zählte auch Aristide Briand dazu, dessen Name man eher mit dem Völkerbund als mit dem "revolutionären Generalstreik" verknüpft.