Daß Bücher zum Lesen da sind, ist bisher eine so selbstverständliche Tatsache gewesen, daß man gar nicht auf die Idee gekommen ist, zu fragen, was es mit dem Lesen eigentlich auf sich habe.

Warum lesen wir? Was geht in uns vor, während wir lesen? Mit welchen unbewußten Erwartungen lesen wir, und welchen Einfluß haben diese auf unsere Lektüre?

Solche Fragen stellen sich angesichts eines Buches, das man nicht lesen kann und vielleicht auch nicht lesen können soll. Dieses Buch hat ein Personenverzeichnis, es hat ein Inhaltsverzeichnis, es hat Seiten, auch einen Titel hat es –

Paul Wühr: "Gegenmünchen"; Carl Hanser Verlag, München; 340 S., Abb., 29,80 DM.

Und doch: lesen kann man es nicht. Es hat Wörter, ist aus Sprache gemacht, es kostet Geld, hat einen Einband, einen Autor, einen Verlag; erschienen ist es zur Frankfurter Buchmesse: kein Zweifel, es ist ein richtiges Buch. Doch lesen kann man es nicht.

Weil das aber sehr sachliche Gründe hat, lohnt die Auseinandersetzung.

"Gegenmünchen" vertritt ein Programm: "Gegenmünchen ist für Unordnung, Spiel, Dreck, Lust, Geschmacklosigkeit, Befreiungsgegenstand";