Nordische Musiktage in Helsinki: Tröstung über die Einsamkeit hinweg

Von Fred K. Prieberg

Helsinki im Oktober: Blaß und niedrig über einem Horizont von Öltanks und Waldhügeln leuchtet früh winterliche Sonne; vom Häfen her weht eine eiskalte Brise – die Stadt bereitet sich auf die düstere Jahreszeit vor.

Immerhin: Auch im Oktober noch ist Helsinki eine Reise wert. Vielleicht nicht unbedingt wegen der Veranstaltungsreihe "Britain in Finland", bei der die Kultur nur knappe Staffage für handfeste Wirtschaftsinteressen, nämlich britische Exportwerbung, bedeutet und sich im übrigen auf Platzkonzerte der Royal Marines und der Royal Scots Greys beschränkt. Vielleicht nicht wegen der englischen Automobilausstellung noch wegen des Gastspiels der Leipziger Thomaner oder des Hannoverschen Mädchenchores. Und kanadische Graphik kann man auch sonstwo sehen, einen spanischen Gitarristen, einen unter vielen, an irgendeinem anderen Ort hören.

Aber da ist das Nordische Musikfest, eine Biennale, die immer in einer anderen skandinavischen Hauptstadt zu Gast ist, diesmal eben ganz an der Peripherie der nordischen Staatengemeinschaft, und zwei Autostunden weiter beginnt die Sowjetunion, jener gewichtige Nachbar, der Finnlands Politik und nicht nur sie fast stärker beeinflußt als die skandinavischen Bruderstaaten zusammengenommen.

Die Peripherie hat ihre Vorteile. Man sieht hier manches klarer. Man lebt hier intensiver. Schließlich ist die Isolation der geographischen Lage alles andere als splendid. Nach Schweden – das ist sogar eine andere Zeitzone – führt nur eine halbtägige Schiffsreise, und der Touristenverkehr ins gegenüberliegende sowjet-estnische Tallinn ruht außerhalb der Saison.

Hier also erhält die Neue Musik Dänemarks, Schwedens, Norwegens und Islands eine ähnliche Symbolfunktion wie jene Bananen, Weintrauben und Apfelsinen, die auf den Marktständen am Hafen ausliegen, Sinnbilder glücklicher – weil südlicher – Fernen. Jede Partitur schafft hier Verbindungen nach draußen, nach drüben; jeder Komponist, der in persona hier auftritt, ist Bote und Zeuge für die Existenz der übrigen freundlichen Welt, und so fällt er im wahrsten Sinne des Wortes einer Gastfreundschaft anheim, die russisch oder orientalisch anmutet.