Man muß ihm den Hals umdrehen, schrieb Roland Topor neben die oben abgebildete Zeichnung, eine von zweiundsiebzig, die der Diogenes Verlag in Zürich unter dem verheißungsvollen Titel "Toxicologie" in einem Band versammelt hat (152 S., 29,– DM). Es sind geduldig schraffierte, schön gezeichnete schaurige Szenen, lauter "kleine Zwischenfälle", wie Jacques Prévert mit angepaßtem Timbre sagt. Zwischenfälle also: zwei Mädchen, die mit dem Springseil einem Buckligen den Buckel abgesäbelt haben ("Verdammt, er ist leer"), eine Frau auf Rollschuhen, in der Känguruhbauchtasche einen winzigen Piloten mit Staubbrille und Steuerrad ("Das ist ganz sicher eine falsche Piste"), eine Frau, deren Bauch ein Mund ist und die sich eben da die Zähne putzt ("Die Zitrone wird uns immer Saft geben"), ein Mann, dessen linker Mittelzeh sich als langer dünner Wurm aufkrümmt und das Gesicht des Mannes berührt ("Welch ein Kämpfer!" ein Mann ohne Gesicht, am Nasenansatz eine fette Fliege ("Du bist wirklich ein Kretin, Samuel"), ein Mann mit einem gewaltigen Buckel in Form einer Nase, die ein Mädchen zu putzen im Begriff ist ("Eine wahre Blume, diese Kleine"). Kleine Zwischenfälle also, die, die Gehirne aller Interpreten in alle Richtungen in Bewegung setzen werden: Arrabal schickt dem Buch als Vorwort ein verbales "Bild der Verwirrung" voraus, Jacques Prévert entdeckt bei Topor den "Humor Gottes", er sieht die aufgeschlitzten Bäuche der Kinder von Vietnam, das heitere Kleingewehrfeuer vor der Olympiade in Mexiko, die Exekution von Sacco und Vanzetti und den Reichstagsbrand sowie ein Lächeln auf den Lippen der Geschundenen, "wohl bewußt, daß das alles nicht seriös, daß das zum Totlachen ist". Eine surreale Welt voll gespenstischer Faszination, Initiatorin von tiefen, traurigen, komischen, wilden Spekulationen und der großen Gefahr, dabei in ein finsteres philosophisches Loch zu stolpern – unter dem Gelächter Roland Topors. Manfred Sack