Aus einem Kommentar von Radio Warschau zum Besuch von Außenminister Scheel:

"Da man sich nun in der Bundesrepublik, auch in den Kreisen der CDU/CSU, bewußt ist, daß heute eine klare Anmeldung von Gebietsansprüchen die Bundesrepublik mit dem Odium eines Friedens- und Entspannungshindernisses belasten würde, versucht man ein bequemes Alibi zu finden und alles auf die Ausweichklausel ‚Wir wollen ja, aber man erlaubt es uns nicht zu verlagern. Als eine solche Fessel wird der sogenannte Deutschlandvertrag mit den Westalliierten, der die deutsche Souveränität auf diesem Gebiet begrenzt, dargestellt.

Die Hinfälligkeit dieses Arguments wird durch die diplomatische internationale Praxis der Außenpolitik der Bundesrepublik ganz eindeutig bewiesen. Die angebliche Vorbehaltsklausel, daß die Grenzen Deutschlands als Ganzes nur von einer gesamtdeutschen Regierung vertraglich anerkannt werden können, hat beileibe die Bundesregierung nicht gehindert, die Westgrenzen der Bundesrepublik, und nicht Deutschlands als Ganzes, völkerrechtlich und vertraglich anzuerkennnen. So z. B. mit Belgien am 24. September 1956, mit Holland am 1. und 2. März 1957, mit Frankreich am 19. Oktober 1961.

Mehr noch, in den verschiedenen Verträgen mit den Weststaaten hat die Bundesrepublik souverän, wie z. B. im Vertrag von Rom 1957, die Idee einer westeuropäischen Union angenommen, in der die bestehenden Grenzen im Westen überhaupt verschwinden würden. Also, die Bundesrepublik betrachtet sich als rechtlich befugt, zu Fragen der Westgrenzen der Bundesrepublik Verfügungen zu treffen, ohne auf Deutschland als Ganzes Rücksicht zu nehmen.

Dabei noch eines: Wir verlangen nicht, daß die Bundesrepublik im Namen Deutschlands als Ganzes die Endgültigkeit unserer Grenze an Oder und Neiße feststellt, sondern daß sie im eigenen Namen auf alle Gebietsansprüche jetzt und für die Zukunft verzichtet. Die Paragraphenreiterei mit dem Deutschlandvertrag kann nicht die Absicht verbergen, daß die Kronjuristen des westdeutschen Revisionismus hier einen Ausschlupf finden wollen, um der Welt und Polen eine Normalisierung auf Widerruf anzubieten und das als Zugeständnis und Friedenswerk zu proklamieren..."